Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Über das Singen auf der Strasse

Von Adrian Riklin

Am Anfang ist eine kleine Vibration. Dann, aus dem Flattern: zitternder Hauch, der nichts von einer Melodie verrät. Erst aus dem Holpern und Stolpern der Schritte: ein Sprung. Die Horizontale zersplittert, glitzert auf in Höhen und Tiefen. Es kommt Leben in die Brust. Bald mündet die Abruptheit in hüpfendes Gehen und von da in gleissende Liederlichkeit. Die Melodiefetzen, die der Gehende die Nächte zuvor aus Sälen gehört und in den Schlaf genommen hat, falten sich aus dem Schlummer, der noch in den Gliedern liegt. Sie wehen und sehnen sich aus und flattern im Abendwind.

Nicht dass er geht. Es läuft ihm. Nicht dass er singt. Es hallt ihm zu. Und rundum haucht und raunt es ihn weiter, es hupt und rauscht und tobt und pfeift. Die Melodie, die in der Kehle umherstrich, bald die Brust rührte, dann die Lippen streichelte: Sie meldet sich an. Längst ist aus dem Summen grandiose Lauthalsigkeit geworden. Längst ist nicht mehr herauszuhören, wo die Stimme endet und der Strassenlärm beginnt. Längst sind die Schallgrenzen verwischt. Die Töne mischen sich in der lauen Luft nicht nur wie Farben auf dem nassen Papier. Sie haben sich längst selbstlos gemacht.

Sie feiern das grosse Konzert der allgemeinen Selbstausuferung. Die Stimme des Gehenden und die Motoren der Automobile brummen orchestral. Beiläufig liest die grossspurige Sirene auf der Hauptstrasse die scheuen Rufe einer Hupe aus der Seitenstrasse auf, als wären sie schon immer Teil von ihr gewesen, fährt sie fort und baut sie weiter; um dann sich selbst am Stadtrand aufzugeben – und haltlos im weiten Klangraum auszuufern. Und auch die Hupe nimmt den Pfeil der Sirene in sich auf und fährt ihn aus dem Staub; um dann sich selbst in unendlich viele Teile auszuheulen – und endlos weiter zu verlieren.

Brillant klimpern hunderttausend Messer und Gabeln auf zehntausend Tellern aus tausend offenen Fenstern in den Nachthimmel hinein und hinunter auf die Strasse. Kurz nach Mitternacht hat sich der Klang der Sirene bis auf weiteres aus der Stadt gemacht. Ein paar letzte Splitter davon stecken noch in einer aufgekratzten Gabel.

Aus der Partitur verabschiedet hat sich auch die Stimme des Gehenden. Unterschlupf findet sie im Gebell der Hunde.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch