Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Zurück zur gutbürgerlichen Küche

Erfolge für BDP und Grünliberale – mehr als zehn Prozent bürgerliche WählerInnen haben die Borderline-Politik der SVP satt und auch das Vertrauen in FDP und CVP verloren. Doch die neue Mitte schmeckt nach der alten. Eindrücke aus dem Wahlstudio.

Von Andreas Fagetti

Das Fernsehstudio Leutschenbach liegt abseits, weit weg vom Volk, gut abgeschirmt an Zürichs Peripherie. Wer Einlass begehrt in dieses fensterlose Labyrinth aus grauen Ziegelsteinen und Beton, der muss an der Eingangskontrolle alle metallenen Gegenstände aus seinen Säcken klauben – Zahnpasta darf drinbleiben, Gürtel und Schuhe müssen nicht abgestreift werden, immerhin. Verfiele irgendein Irrer auf die aberwitzige Idee, um sich zu schiessen oder eine Bombe zu werfen – am Wahlsonntag träfe er hier die Schweizer Politik- und Medienszene ins Herz. Hier empfängt sie am Wahlsonntag die Hochrechnungen, tauscht sich aus, gibt Interviews, stellt Fragen, bangt um die Wiederwahl, ordnet ein, vereinbart Termine, werweisst, kritisiert und redet schön.

Der Glänzende

Gut abgeschirmt von der Aussenwelt schlendert, huscht, eilt, hetzt oder schreitet gravitätisch bis wichtigtuerisch fast alles durch die schummrigen Korridore, was Rang und Namen hat. Pelli, Brunner, Leuenberger, Darbellay, Levrat, Grunder, Bäumle, de Weck, Schawinski, Matter. Und natürlich Blocher mit Gattin. Aber heute steht nicht der alte Mann im Scheinwerferlicht. Am Nachmittag kleben alle an FDP-Präsident Fulvio Pellis Lippen. Der Grand Old Party der Schweiz hatten die Umfragen ihr Waterloo prognostiziert, Pelli die Abwahl. Es kommt nicht ganz so schlimm. Pelli schafft hauchdünn die Wiederwahl, seine Partei sackt zwar ab, aber nicht ins Bodenlose, verliert über den Daumen gepeilt nicht mehr WählerInnen als SVP und CVP. Der Tessiner Wirtschaftsanwalt glänzt in seinem grauen Anzug, seine Augen glänzen, sein Auftritt ist weniger glänzend. Erwartungsvoll halten ihm die JournalistInnen Aufnahmegeräte und Mikrofone unter die Nase. Er verteidigt seinen Kurs, verweist auf die Geschlossenheit seiner Fraktion, die Schärfung des Profils, sondert die Slogans ab, die nicht gezogen haben – für mehr Arbeitsplätze, sichere Sozialwerke und weniger Bürokratie, aus Liebe zur Schweiz. Die WählerInnen haben sie nicht erwidert. Er beklagt sich über die «falschen» Vorurteile, die seiner Partei anhaften, dass sie kalt sei, verfilzt mit den Wirtschaftseliten, den Banken. Er gesteht Fehler ein, in der Kommunikation, die Botschaft sei nicht richtig angekommen.

Da redet sich einer etwas schön. Eine Partei, die immer noch weitaus am meisten KantonsparlamentarierInnen und RegierungsrätInnen stellt, hat den Kontakt zur Basis verloren und verliert sich in weltfremden Erklärungen. Weniger Staat, mehr Freiheit. Die WählerInnen haben sich wohl gedacht: weniger FDP, mehr Freiheit. Aber nicht bloss Fulvio Pelli leidet unter Realitätsverlust. Sein Parteikollege Ruedi Noser lehnt betont lässig an einem der runden Tischchen im Wahlstudio, verbreitet Gelassenheit, spielt mit seinem iPhone und beantwortet Fragen. Zur WOZ sagt er: «Auf dieses Resultat kann man aufbauen. Wir müssen weiter ohne ideologische Scheuklappen auf liberale Grundwerte bauen und bei unseren Lösungen die Realität nicht ausblenden.»

Die Disziplin der Schönfärberei beherrschen freilich auch die Präsidenten der etablierten Parteien aus dem Effeff. Schon die ersten Hochrechnungen verheissen ihnen nichts Gutes. Bloss einer kann sich halbwegs als Sieger fühlen: Christian Levrat. Um seinen Mund spielt ein Dauerlächeln. Seine Partei hat zwar geringfügig WählerInnen verloren, aber dank Proporzglück drei Nationalratssitze gewonnen und bei den Ständeratswahlen ein solides Resultat erzielt.

Mit betretenem Gesichtsausdruck eilt Toni Brunner durch die Korridore. Das viel beschworene Volk hat die «Schweizer wählen SVP»-Partei abgewatscht, ihren Siegeszug abrupt gestoppt, ihre Behauptung, die SVP sei die Schweiz, als Wahn entlarvt. Der Sonnyboy aus dem Toggenburg ist Niederlagen nicht gewohnt. Die Partei der Milliardäre und Millionärinnen hat die Schweiz mit Plakaten zugepflastert, Millionen in den Wahlkampf gebuttert, als Minimalziel sollte der Wähleranteil gehalten, als Maximalziel die Dreissigprozentmarke erreicht werden. Und jetzt das. Es herrscht Sonnenfinsternis. Acht Sitze verloren und der «Sturm aufs Stöckli» ein Sturm im Wasserglas. Was Brunner ins Gesicht geschrieben steht, passt nicht zu dem, was er in der Elefantenrunde sagt: Die SVP sei immer noch die weitaus stärkste Partei, ein gutes Resultat. So viel Bescheidenheit ist neu. Er ist auffallend schweigsam, stellt keine ultimativen Forderungen, wie bislang bei solchen Gelegenheiten üblich. Nur einmal bellt er in Richtung des GLP-Präsidenten: «Es ist vorbei mit den Spielchen, Herr Bäumle!»

Martin Bäumle strahlt wie ein Maikäfer, ihm ist die Genugtuung ins Gesicht geschrieben. Er redet betont sachlich, in klaren Sätzen, macht Gesprächsangebote in alle Richtungen, weist aber Vereinnahmungen von sich. Typ gerngesehener Schwiegersohn. Und der andere Wahlsieger, BDP-Parteichef Hans Grunder, kann sein Glück nicht fassen. Der Herr mit der grauen Igelifrise und dem jungenhaften offenen Gesicht wartet, an die rote Wand des Studios gelehnt, versonnen lächelnd auf ein Radiointerview. Auch er übt sich in der Runde der Parteipräsidenten unablässig in der Disziplin des Gesprächsangebots an die Mitteparteien, und dazu zählt für ihn auch die FDP. Und die SVP, sobald sie zur Vernunft gekommen ist. Miteinander reden. Das ist die zentrale Botschaft der Wahlsieger.

Hinterm warmen Ofen

Jene bürgerlichen WählerInnen, die Bäumles und Grunders Parteien die Stimme zukommen liessen und offenbar genug haben vom ruppigen Politstil, träumen wahrscheinlich von längst vergangenen Zeiten, als die Schweiz noch die Schweiz war. Für diese Sehnsucht spricht im Osten die glänzende Wahl der in der Sache knallharten, akzentuiert rechts politisierenden, aber moderat auftretenden FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter in den Ständerat. Ausgerechnet die «Weltwoche» versuchte sie mit harten, aber letztlich unbegründeten Vorwürfen unmöglich zu machen, was ihrem Widersacher Toni Brunner nützen sollte. Der Schuss ging nach hinten los.

Bäumles und Grunders Auftreten ist nicht gebieterisch, sie haben keine Millionen im Rücken, und sie führen keine Utopien im Gepäck. Sie geben sich bloss gesprächsbereit nach allen Seiten und versprechen sachorientierte Lösungspolitik. Sie strahlen gutbürgerliche Langeweile aus, Unaufgeregtheit, Bodenständigkeit. Der Mann aus dem Emmental und seine urbane Ausgabe aus Zürich. Womöglich sehen ihre WählerInnen in Bäumle und Grunder sich selbst: gut ausgebildete BürgerInnen mit anständigem Einkommen. Aber auch nicht mehr. Wenn solche Männer am Werk sind, das mag die Hoffnung derer sein, die auf sie setzen, kann man sichs getrost gemütlich einrichten hinter dem warmen Ofen. Solche PolitikerInnen werden es schon richten und dabei nicht allzu viel Geschirr zerschlagen. Das Schlimmste, was passieren kann: Es geht eine Tischbombe hoch.

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