Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Wörter am MarterInnenpfahl

Das hat keine andere Kolumne geschafft: Die «WOZ News» berichten seit der ersten Ausgabe im Jahr 1981 Woche für Woche und ohne Unterbruch über eigene und fremde Medienmissgeschicke im sprachlichen Bereich. Eine kleine Auswahl aus drei Dekaden.

Von Jürg Fischer und Karin Hoffsten

Präzise

Wir können Sie beruhigen. Die Zwischenbilanz war so gut, dass unser Einkaufsleiter leichten Herzens ein Exemplar «Büchmann. Geflügelte Worte» angeschafft hat. Somit schreiben wir künftig nicht mehr «Der Moor kann gehen …», sondern so, wie es richtig heisst, womöglich sogar mit Quellenangabe. Auch ein Duden hat Eingang in die Redaktion gefunden, den wir vermehrt zu konsultieren versprechen, um nicht mehr z. B. «wahlfahrten» schreiben zu müssen. Denn, wie sagt man schon wieder: Auch diese Weisheit wird nicht heisser eingebrockt, als man sie auslöffelt. (WoZ Nr. 41/82)

Betupfte

Roger Schawinski, Gegenstand eines Artikels in der letzten WoZ, legt Wert darauf, dass er nicht Schawinsky (mit y) heisst und nicht 1945 und 1946 geboren ist, sondern in einem einzigen Jahr, nämlich 1945. (WoZ Nr. 34/83)

Ypsilon-Gegner

Also ehrlich, diese WoZ: Nach Schawinsky bringen die einfach den Aeberly. Dabey schreibt man diesen wie jenen mit i am Schluss. Wir entschuldigen uns nachträglich bei diesen Herren und präventiv bei Göldy, Gnägy, Gelly und Ghadaffy. (WoZ Nr. 35/85)

Dankbare

Einen tiefen Blick durften psychologisch Interessierte und Versierte letzte Woche tun – in die Seele unserer Satzabteilung. Oder ist es nicht eine sehr gefreute Sache, wenn diese statt «Dankbarkeit» «Dankarbeit» schreibt (…)? Das achtzigerjahrmässige Arbeiten – Trauerarbeit, Beziehungsarbeit, Körperarbeit blablabla – hat nun auch noch auf das Danken übergegriffen. Uns bleibt mal wieder nur die Aufklärungsarbeit. (WoZ Nr. 34/89)

Anti-Zyklische

Zum wiederholten Male ist vergangene Woche unserer Frau Fehr das Velo geklaut worden, ein silbriges Damenrad, Marke Mondia Sechsgang; beim Bahnhof Wiedikon ist es geschehen, und zwar, zu allem Überfluss, gerade nachdem Frau Fehr es frisch hat pumpen lassen. Klaut doch die Velos, bevor wir sie pumpen, oder besser noch, pumpt Euch die Velos, statt sie zu klauen. Am besten bringt Ihr es zurück, und zwar nicht zum Bahnhof Wiedikon, sondern zur WoZ, Waffenplatzstrasse 6. Solltet Ihr dabei erwischt werden, revanchieren wir uns mit einem Knastabo. (WoZ Nr. 28/93)

Risikofreudige

Was nützt das schönste Übersetzungsbüro, wenn die potenzielle Kundschaft keine Kenntnis desselben hat. So schickt uns regelmässig das Büro des Jean-Paul Rochat in Zürich seine Werbebriefe mit immer neuer Überzeugungskraft: «Im Grunde brauchen Sie eine langfristige Perspektive – und die bietet Ihnen am ehesten ein erfahrener Hausübersetzer, der gleichbleibende Qualität garantiert. Auch Stalin hat seinen Übersetzer nicht alle Jahre gewechselt. Ganz im Gegenteil.» Auf das Angebot könnten wir zurückkommen. Was Stalin hatte, wollen wir auch: gleichbleibende Qualität. (WoZ Nr. 35/93)

Unterbrechende

Nicht die USA an sich werden die Welt beherrschen, aber ihre Apostrophe (…). Nach all den «Pin’s» und «Peter’s Pizza-Kurier», nach dem «Ent’sorge für Sie» und «Viel Nutzfahrzeug für’s Geld» (Mercedes) ist uns dieser Tage auf einem (linken) Flugblatt das Wort «nicht’s» begegnet. Alle’s oder nicht’s! Und wie soll es weitergehn? «Hallo, wie läuft’s? – Bei un’s? Na, prima, gan’z gan’z prima!» (WoZ Nr. 41/93)

Zukunftsträchtige

Das Bundesamt für Statistik (…) teilt mit, im Jahre 1992 sei die Schweizer Bevölkerung weiter angewachsen. Einer der Gründe sei «die relativ hohe Zahl von Personen im heirats- und geburtsfähigen Alter». Das finden wir toll, denn in die geburtsfähigen Generationen setzen auch wir grösstes Vertrauen. (WoZ Nr. 46/93)

Wanderbare

Wird die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache irgendwann endgültig erreicht werden? Kann man der «linguistical correctness» jemals Einhalt gebieten? Nein! Uns von der WoZ wird man aber kaum nachsagen können, wir hätten nicht unser Bestes gegeben, zum Beispiel in WoZ Nr. 20/94: «Deshalb blochen die Fahrer nun auf gekiesten WanderInnenwegen zu Tal …» und überstehen nur dank ZauberInnentricks die ZitterInnenpartie heil. Wir würden sogar soweit gehen und statt dem machomässigen Spitzwegerich eine unbedenkliche Pflanze an den WanderInnenweg pflanzen, um nicht am MarterInnenpfahl zu enden. (WoZ Nr. 21/94)

Namhafte

Gottfried Honegger hat sich kürzlich in der WoZ darüber aufgehalten, dass die Automarke Citroën ein Modell mit dem Namen «Picasso» lanciert hat. Den umgekehrten Weg geht eine andere Marke: «Liebe Eltern: Nennen Sie Ihre neugeborene Tochter Fabia und gewinnen Sie einen Skoda Fabia Combi im Wert von Fr. 18 330.–», wirbt sie. Eine reizvolle Idee: Nennen Sie Ihren Sohn Kadett und gewinnen Sie einen Opel. Piercen Sie sich mit vier Ringen und gewinnen Sie einen Audi. (WoZ Nr. 49/00)

Pygmäische

Ob angesichts der prekären Verhältnisse im Mediensektor alle Presseorgane ihre Kräfte wirklich angemessen einsetzen, bezweifeln wir. Im Zusammenhang mit den zahlreichen Entlassungen bei Tamedia informierte letzte Woche das «Echo der Zeit» in Radio DRS: «Der ‹Tages-Anzeiger› kämpft gegen seine schrumpfende Leserschaft.» Das scheint uns zum einen mit weniger Personal nicht besser bewältigbar und zum andern eindeutig diskriminierend. (WOZ Nr. 49/03)

Freudianische

Die aktuelle Plakatkampagne eines französischen Autoherstellers zeigt einen sportlichen Fahrer, der in seinem Coupé auf die shoppende Geliebte wartet: «Die Liebe seines Lebens. Für nur 32 300.» Das macht zweierlei deutlich. Zum einen scheint uns das Mädel recht preiswert, zum andern löst sich ein tiefenpsychologisches Rätsel: Da wo Gefährtin und Gefährt in gleichem Mass zum Triebziel werden, sprechen wir eben von Autosexualität. (WOZ Nr. 14/06)

Benedeite

«Da steht er nun auf seinen kurzen Stummelbeinchen. Drollig. Das wolkenweisse Schwänzchen wackelt wie bei einem Osterhasen, die schwarzen Knopfaugen staunen treuherzig in die Welt.» Diese Sätze, für die wir der «Schweizer Illustrierten» den Goldenen Schleimbeutel für literarische Volksnähe verleihen, meinen trotz Ostern natürlich nicht Papst Benedikt, sondern den kleinen Knut. Die «SI» fragte ausserdem: «Kann es sein, dass der Heiland dieses Jahr ein Eisbärenbaby ist?» Ganz sicher nicht, sonst wäre er ja letzten Freitag irgendwohin genagelt worden. (WOZ Nr. 15/07)

Unheimliche

«Es gibt Wichtigeres zu tun», schrieb der «Blick am Abend» kürzlich: «Lehrer-Präsident Zemp nervt die Kruzifix-Debatte. Und nimmt die Lehrer in Schutz.» Jetzt ist offenbar auch die Kruzifixdebatte zum Leben erwacht und streift nachts mit dem Sennentuntschi um die Häuser. (WOZ Nr. 45/10)

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