Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Das Ende der Vermilchglasung

Von Stephan Pörtner

Der König der Milchglasscheiben sass in seinem Turmzimmer, das mit hohen Milchglasfenstern ausgerüstet war, sodass drinnen ein nebelartiges Dämmerlicht herrschte. So trübe wie das Licht war die Stimmung dieses Königs, dessen Herrschaftsbereich in rasantem Tempo abbröckelte. Milchglas war einst ein Must gewesen für den modernen Menschen, der seine Anonymität schätzte und deshalb vermilchglaste, was er konnte, damit ihm kein Heckensteher oder Nachbarskrüppel in die Wohnung guckte. Doch unterdessen hatte sich selbst im grossstädtischen Umfeld die Durchblicksbauweise etabliert, und die Wohnungen waren rundum normalverglast, selbst das Bad, weil man sich lieber beim Zähneputzen zusehen liess, als unbeachtet in der Anonymität unterzugehen.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen.

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