Nr. 46/2011 vom 17.11.2011

Nur ein Hindernis für den Traktor

Bettina Dyttrich über das Sammeln, das die Landschaft verändert.

Von Bettina Dyttrich

Der alte Mann steht unter dem Mehlbeerbaum. Er hat eine grosse Plastikblache ausgebreitet. Das Laub raschelt: Da sitzt jemand im Baum, völlig verdeckt von den grünsilbernen Blättern, und schüttelt. Knallrote Beeren prasseln auf die Blache. Die Plastikwanne des alten Mannes ist schon bis oben gefüllt.

In der Schweiz ist der Mehlbeerbaum unscheinbar, meist nur zwei oder drei Meter hoch, kaum jemand kennt ihn. Aber hier, in den Tälern der Vogesen westlich von Colmar, wächst er überall: imposante, oft über zehn Meter hohe Bäume, die im Herbst von weitem rot leuchten. Auf Französisch heisst der Baum Alisier, die Einheimischen brennen aus seinen Beeren einen beliebten Schnaps.

Die Sammelwirtschaft gilt heute nicht mehr als Wirtschaft, sondern als romantisches Hobby – in den reichen Ländern. Denn anderswo bleibt sie ein wichtiger Teil der Ökonomie. Auch in der Schweiz landen grosse Mengen von Wildpilzen aus dem Osten auf den Tellern – und sorgen für ein ungutes Gefühl, denn wer weiss, ob die SammlerInnen darauf achten, dass sich die Bestände erholen können. Zu viel sammeln schadet, das ist allen klar. Aber was sind die ökologischen Folgen, wenn gar nicht mehr gesammelt wird? Es ist noch nicht lange her, da waren auch in der Schweiz wilde Beeren, Wildgemüse und Heilkräuter ein wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Hauswirtschaft. Wer Wildpflanzen nutzt, hat ein Interesse daran, dass es Hecken gibt, dass nicht alle Wiesen stark gedüngt werden und der Bach offen fliessen kann, damit an seinem Ufer Beinwell und Brunnenkresse wachsen. Kurz: Er oder sie hat ein Interesse an einer vielfältigen Landschaft.

In den agrarpolitischen Diskussionen werden heute die «Landschaftsgärtner» gegen die «produzierenden Landwirte» ausgespielt. Ein falscher Gegensatz, denn es stimmt, was der US-amerikanische Farmer und Schriftsteller Wendell Berry schreibt: «Gute Bauern sind Naturschützer. »

Aber um beides sein zu können, braucht es Zeit, das Land zu kennen, kleinräumig zu pflegen, seine Nischen zu nutzen. Und diese Zeit hat kaum noch jemand. Der Milchpreis sinkt, die Höfe werden grösser, die Arbeitskräfte weniger. Das Bundesamt für Landwirtschaft versucht zwar, die Hecken und die ungedüngten Wiesen mit ökologischen Direktzahlungen zu fördern. Aber es funktioniert nicht besonders gut. Dass ein permanent gestresster Bauer die Hecke nur noch als Hindernis für seinen Traktor wahrnimmt, ist kein Wunder.

PS: Die Mehlbeere ist in der Schweiz zu selten, um in grossen Mengen gesammelt zu werden. Aber ihre Verwandte, die Vogelbeere, kommt in vielen Regionen häufig vor. Die beste Sammelzeit ist nach dem ersten Frost, dann verlieren die Beeren ihre Säure. Wer nicht die Möglichkeit hat, selber Schnaps zu brennen, kann auch einfach Konfitüre aus ihnen machen.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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