Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Heute sind andere die Sündenböcke

Der Zürcher Philosoph Angelo Maiolino geht in seinem Buch der Italienerfeindlichkeit in der Schweiz bis in die siebziger Jahre auf den Grund und fragt nach der «Politik der Marginalisierten».

Von Yves Kramer

Schilder mit Aufschriften wie «Zutritt für Hunde und Italiener verboten» kann sich heute niemand mehr vorstellen, und der abschätzige Begriff «Tschingg», der den italienischen MigrantInnen einst von ihrem beliebten Spiel Morra eingetragen wurde, verschwand aus dem Alltagsvokabular. Heute gründen die NachfahrInnen der ersten Einwanderergeneration erfolgreiche Unternehmen, denen sie selbstbewusst den Namen «Tschingg» geben, um, wie sie sagen, ihre Eltern zu ehren, die in der Fremde lange untendurch mussten. Oder sie studieren wie Angelo Maiolino Philosophie, Politik und Geschichte, schreiben Bücher wie «Als die Italiener noch Tschinggen waren» und erschliessen sich so ein Stück ihrer eigenen Biografie.

Nein, allzu fern ist die Zeit nicht, als man noch über die Italiener schimpfte und sagte, sie würden die Trottoirs verstellen und die Bahnhofshallen füllen, Frauen hinterher pfeifen, finster dreinschauen und laut diskutieren.

Es war der rechtspopulistische Nationalrat James Schwarzenbach, der die Italienerfeindlichkeit vor vierzig Jahren auf die Spitze trieb. Noch heute wecke bei vielen ItalienerInnen der Name Schwarzenbach ungute Gefühle, schreibt Maiolino. Für Schwarzenbach waren die «braunen Söhne des Südens» ein «artfremdes Gewächs», das nicht hierher passe. In der Überfremdung sah er eine «schleichende Krankheit», die Leib und Seele der Einheimischen befallen habe. Die Initiative, mit der Schwarzenbach den AusländerInnenanteil auf 10 Prozent senken wollte, scheiterte 1970 an der Urne zwar knapp, die Diskussionen hinterliessen aber Spuren, in denen heute die SVP weitergeht.

Die Rolle der Secondos

Anschaulich beschreibt Maiolino auch, wie die italienischen MigrantInnen nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen einer Heimat standen, die sie fortschickte, da sie keine Beschäftigung für sie hatte, und einer Fremde, die einzig an ihrer Arbeitskraft interessiert war, sie aber sonst in abgelegene Arbeitersiedlungen abschob, wo die Herren Rossi und Bianchi zur stummen Masse ohne Gesicht wurden – zum bedrohlichen Phantom, das diffuse Ängste weckte.

Die Situation der GastarbeiterInnen charakterisiert Maiolino als «doppelte Absenz», denn hier wie dort waren sie als BürgerInnen nicht gefragt. Erst nach und nach ist es ihnen gelungen, eine Sprache für ihre Anliegen beidseits der Alpen zu finden. Der Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera (FCLIS) schreibt Maiolino das Verdienst zu, die italienischen ArbeiterInnen vereint zu haben, ohne sie gleichzuschalten. Vom Streit um kulturelle Eigenheiten hielt die FCLIS nichts. Fremdenhass war für sie ein Nebenschauplatz, der von den wahren Problemen ablenkte. «Wir kämpfen nicht, weil wir Einwanderer sind, sondern weil wir ausgebeutet werden.»

Im ersten Kongress der italienischen Einwandererverbände, der im April 1970 in Luzern stattfand, sieht Maiolino den Startschuss für das neue Selbstvertrauen der italienischen EmigrantInnen und ihrem rasanten gesellschaftlichen Aufstieg, der folgte. War es die Gewöhnung, die politische Grosswetterlage oder die Ankunft neuer EinwanderInnen, die den ItalienerInnen half, ihre Rolle als Sündenbock abzustreifen? Auch für Maiolino ist es erstaunlich, wie schnell sich das Bild der ItalienerInnen hierzulande gewandelt hat. Sicher aber brauchte es dazu die sogenannten Secondos.

Hoffen auf ein «offenes Wir»

Doch der Geist Schwarzenbachs ist nicht verflogen. Paradoxerweise hat er auch vor den ehemaligen «Tschinggen» nicht haltgemacht, die zum Teil nun selbst mit Argusaugen auf die neuen EmigrantInnen herabschauen. «Die Rollen sind geblieben, nur die Darsteller haben gewechselt», stellt Maiolino fest. Die Sündenböcke sind nun MuslimInnen oder SchwarzafrikanerInnen, und die ErbInnen Schwarzenbachs finden sich in der SVP. Wie bei den italienischen Einwanderern sind auch bei den Fremdenfeinden die Nachkommen erfolgreicher als die Pioniere. Die jüngsten Urnengänge zu Asyl- und Ausländerfragen belegen dies. Maiolino warnt denn auch vor den «autoritären Verlockungen der Demokratie» und hofft auf ein «offenes Wir», das die Ursachen der Misere nicht länger in kultureller Abweichung, sondern in den politischen und wirtschaftlichen Machtsphären sucht.

Mehr Philosoph als Historiker, zerpflückt Maiolino mit viel Verve die fremdenfeindlichen Reden und legt deren Blitzableiterfunktion offen. Schade, hat er seine Suche nach dem Widerstand auf geschriebene Quellen und die Politik der Einwandererverbände beschränkt. So entstehen blinde Flecken, zum Beispiel bei der Situation der italienischen Frauen, und die «Politik der Marginalisierten» bleibt vorläufig noch Stückwerk.

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