Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Kerouac fürs Kaffeetischchen

Der erste ernsthafte Roman von Jack Kerouac (1922–1969), dem Autor von «On the Road» (1957), dem Kultroman der Beatniks, liegt jetzt erstmals als Buch vor: «Mein Bruder, die See» – und zwar auf Deutsch noch vor der englischen Ausgabe. Von der Aufmachung her ein zwiespältiges Unterfangen, denn Kerouacs recht kurzer Text wird mit zeitgenössischen Fotos zum Bildband aufgebrezelt. Die Bilder von Starfotografen wie Henri Cartier-Bresson, Andreas Feininger oder Weegee und ihre «Magnum»-Ästhetik illustrieren zwar stilgerecht die Schauplätze und Stimmungen dieses frühen Kerouac-Texts, lenken aber von ihm ab – und legen den Gedanken nah, dass sich der sonst im Musikgeschäft tätige Verlag von einem Bildband mehr Ertrag verspricht als von einer bloss literarischen Verwertung.

«Mein Bruder, die See» ist im Geist Kerouacs berühmtem Hauptwerk eng verwandt. Im Mittelpunkt stehen der Matrose Wesley Martin, der seit zehn Jahren unterwegs ist, auf der Flucht vor seiner Ehe mit einer Tochter aus reichem Haus, und Bill Everhart, Dozent für englische Literatur an einer renommierten New Yorker Universität. Er will dem geregelten, langweiligen Leben entkommen, sehnt sich nach dem alten Pioniergeist der USA und will mit Wesley bei der Handelsmarine anheuern. Idealismus spielt eine grosse Rolle: Die beiden wollen das ihre zum Kampf gegen die Nazis beitragen.

Der Roman spielt 1942. Jack Kerouac war 21, als er den Text schrieb. Manche Szenen sind unvorteilhaft gedehnt, die Dialoge erinnern zum Teil an die starren Phrasen des marxistischen Klassenkampfs. Doch die Atmosphäre, die stimmige Schilderung, wie Bill und Wesley nach Boston trampen, um sich einzuschiffen, die Szenen aus Hafenkneipen und aus der Enge des Schiffs, die Angst vor den deutschen U-Booten … das ist literarisch gelungen. Diesen Text läse man auch ohne die besagten Fotos gerne, die Kerouac kaffeetischchenfähig zum Lifestyle-Accessoire 
machen.

Raphael Zehnder

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