Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

Aufbruch und Ernüchterung

Der 1944 in Fes geborene und heute zwischen Paris und Tanger pendelnde Tahar Ben Jelloun gilt als einer der bedeutendsten frankofonen Autoren aus dem Maghreb. Nun hat er sich zum Arabischen Frühling in einem Band geäussert, der mehrere Essays, Analysen und eine literarische Studie versammelt.

Letztere erzählt das Schicksal des Tunesiers Muhammad Bouazizi, dessen Selbstverbrennung vor dem Rathaus von Tunis am 17. Dezember 2010 eine breite Solidarität und die Revolte auslöste, die den Präsidenten Ben Ali keinen Monat später aus dem Land vertrieb. Handkehrum versetzt sich Ben Jelloun in den Kapiteln «Im Kopf von Mubarak», «Im Kopf von Ben Ali» und «Gaddafische Absurditäten» in die Machthaber und schildert die ruchlose Selbstverständlichkeit ihres Machtanspruchs, ihr Gehen über Leichen, ihre Unfähigkeit zur Empathie, ihr Nicht-loslassen-Wollen …

Im März 2011 schrieb Ben Jelloun das Vorwort zur Textsammlung, in der neben Tunesien, Ägypten und Libyen auch Algerien, Jemen und Marokko behandelt werden. Darin zeigt er, wie falsch der Vorwurf ist, es gäbe im arabischen Raum keine Aufklärung, und er gibt seiner Hoffnung im Hinblick auf die Bewegungen Ausdruck: «Diese Revolte erreicht nach und nach den Status einer Revolution, sie weitet sich auf immer mehr Länder aus, und vor allem ist sie zuerst und insbesondere ethisch und moralisch. Die Menschen sind spontan auf die Strasse geströmt, entschlossen, bis zum Ende durchzuhalten, ohne die Befehle irgendeiner Führungsfigur, eines Parteiverantwortlichen oder gar religiösen Oberhaupts zu befolgen. Der Sieg ist errungen: eine natürliche Revolution, die von alleine vom Baum gefallen ist wie eine reife Frucht an einem Wintertag.»

Wenige Monate später mischt sich grosse Ernüchterung in diese Einschätzung; es zeigt sich, dass der Weg zur Vergrösserung der individuellen Freiheit und zur Erlangung der Menschenwürde für Mann und Frau nach dem Arabischen Frühling lang und hart ist.

Florian Vetsch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch