Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

Eine längst fällige Spurensuche

Von Pit Wuhrer

Noch immer gibt es im deutschen Sprachraum nur wenige allgemein verfügbare Beschreibungen des Kampfs der Resistenza gegen den italienischen Faschismus und die deutschen Besatzungstruppen. Was hat so viele und anfangs oft unpolitische junge ItalienerInnen bewogen, nach dem 8. September 1943 – als die Nazis in Norditalien die Macht übernahmen – in die Berge zu gehen? Wie haben sie es geschafft, die Entbehrungen durchzuhalten? Mit welchen Mitteln kämpften sie gegen die deutsche Kriegsmaschinerie? Wie reagierten sie auf deren Massaker? Und wie erlebten sie die Befreiung, für die sie selbst so viel getan hatten? Hin und wieder bieten Organisationen (wie die WOZ mit ihren LeserInnen-Reisen) Begegnungen mit ZeitzeugInnen an, es gibt auch gute Websites wie www.resistance-archive.org. Aber Bücher, in denen die PartisanInnen selber zu Wort kommen?

Diese Lücke hat nun der Journalist und Dokumentarfilmer Jürgen Weber geschlossen – zumindest teilweise. 1994 interviewte er erstmals PartisanInnen aus dem Piemont, und 2010 begab er sich nochmals nach Turin und ins Susa-Tal. Herausgekommen bei der «persönlichen Spurensuche», wie er das nennt, sind neben Texten zur historischen Einordnung sechs lange Interviews mit AntifaschistInnen, die in den Bergen und in der Stadt «für ein neues Italien kämpften», wie einer von ihnen das formulierte. Dass Weber den Erinnerungen der PartisanInnen viel Platz einräumt, ist eine grosse Stärke seines Buchs. Denn diese schildern unter anderem längst Vergessenes: Wie ihr Widerstand auch von den Alliierten (vor allem England) hintertrieben wurde. Und dass besonders Frauen die Knochenarbeit in der Resistenza erledigten.

Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, und das ist gut so. Jedem Interview hat Weber eine aufschlussreiche Schilderung seiner Begegnung mit den alten KämpferInnen vorangestellt: Dadurch begreift man, was die ehemaligen PartisanInnen heute noch umtreibt. Nur das Schnittmusterlayout des Buchs – das ist gewöhnungsbedürftig.

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