Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

Eine angefangene Geschichte, reich an Details

Peter Rüedis Dürrenmatt-Biografie ist ungeheuer umfangreich, aber sie endet viel zu früh: Die Geschichte eines egomanischen, nicht sehr sympathischen Burschen aus einem Emmentaler Pfarrhaus, der sich als Künstler gegen alle Widerstände selbst erfindet und weltberühmt wird.

Von Stefan Keller

Der Journalist und Germanist Peter Rüedi hat diesen Herbst ein Buch über Friedrich Dürrenmatt vorgelegt, das zumindest in seinem Umfang von fast tausend Seiten und in seiner Unübersichtlichkeit dem Werk des 1990 verstorbenen grossen Schweizer Schriftstellers entspricht. Rüedi, so erfährt man, habe zwanzig Jahre daran gearbeitet, ausgehend von einer Zeitungsserie, die er für die «Weltwoche» kurz vor dem Ableben des siebzigjährigen Dürrenmatt begann. Der Biograf kannte das Objekt seiner Untersuchung also noch persönlich, er ist einer jener Männer, die bei Dürrenmatt zu Hause verkehrten, im Vallon de l’Ermitage hoch über Neuenburg, und mit dem weltberühmten Alten dort Flasche um Flasche leerten, während dieser sich interviewen liess. Die Gespräche, die Friedrich Dürrenmatt mit vielen professionellen Besuchern während Jahrzehnten geführt hat, sind bereits 1996 in einer ausserordentlich schönen vierbändigen Ausgabe erschienen, auch Gespräche mit Rüedi kommen darin vor; das letzte fand am 28. November 1990 statt, und am 13. Dezember war Dürrenmatt tot.

Das Alterswerk als «Psychoanalyse»

Peter Rüedis Buch heisst «Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen». Der zweite Teil des Titels beziehe sich auf Dürrenmatts Universalismus, schreibt Rüedi im Vorwort, auf seine allumfassenden «kosmologischen» Interessen, aber auch auf das, «was dieses Buch seinem Leser zu vermitteln hofft». Tatsächlich machen jene Werke Dürrenmatts, mit denen er Ende der fünfziger Jahre international bekannt und auch reich geworden ist – die Theaterstücke «Der Besuch der alten Dame» und «Die Physiker», die Kriminalromane «Der Richter und sein Henker» und «Das Versprechen», die kürzeren und längeren Erzählungen wie «Der Tunnel» oder «Grieche sucht Griechin» –, ja nur den sichtbarsten Teil seiner Arbeit aus.

Weniger gelesen, viel weniger eingängig, voller Brüche und gerade deshalb interessant sind etwa die Aufzeichnungen Dürrenmatts, die unter dem nicht sehr verkaufsfördernden Titel «Stoffe» erschienen und die in den siebziger und achtziger Jahren entstanden, lange nachdem der Dramatiker auf dem Theater gescheitert war: eine eigene Form von Prosa, für die ein konventioneller Gattungsbegriff fehlt, gleichzeitig Autobiografie und Werkkommentar, fiktive Erzählung und Essay, nüchterne und ausschweifende Erinnerung, oft atemlos dicht, mit tausend Anekdoten durchsetzt, dann wieder ruhig und entspannt, voller Witz und Bösartigkeit, manchmal auch Trauer, und also voller Leben. Man lese zum Beispiel den Aufsatz «Vallon de l’Ermitage» über Dürrenmatts Wohnort (Band 36 der Werkausgabe). Man lese die Beschreibung des Todes eines seiner Hunde, die bruchlos übergeht in die Beschreibung der Leiche seines Freundes Varlin – und plötzlich ist es Dürrenmatts erste Frau, Lotti Geissler, die im Nebenzimmer gestorben ist und von Sargträgern auf groteske Weise die Treppe hinunter befördert wird («Begegnung», Band 29 der Werkausgabe). Oder man lese den «Winterkrieg in Tibet», in dem aus recht ordentlich beginnenden Memoiren eine Abhandlung über den antiken Minotaurus-Mythos wird, die in eine detaillierte, an heutige Killergames erinnernde Vision des Lebens in unterirdischen Labyrinthen nach dem atomaren Dritten Weltkrieg mündet, bevor wir – noch die letzten Durchhalteparolen des Eidgenössischen Militärdepartements im Ohr – plötzlich wieder mit dem scheinbar echten, schwer zuckerkranken und herzinfarktgefährdeten Dürrenmatt in einem profanen Spitalzimmer landen und von dort fliehen: durch das Labyrinth der Berner Lauben in ein Pornokino.

Neben Dürrenmatts lebensgeschichtlich durchsetzten «Stoffen» – die auch über die Jugendzeit Auskunft geben, der Biograf bezeichnet sie einmal als Dürrenmatts «Psychoananalyse» –, und neben den geführten Interviews war für Rüedis «Ahnung vom Ganzen» der Nachlass eine der wichtigsten Quellen. Dieser ist offenbar gigantisch, denn Dürrenmatt arbeitete fast alle Texte immer wieder um. Private Briefe jedoch sortierte er regelmässig aus und verbrannte sie. Peter Rüedi hat auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen befragt, Dürrenmatts Schwester beispielsweise, und seine Fundstücke in einem umfangreichen, nochmals kommentierenden Anhang akribisch belegt. Einerseits arbeitet sich der Biograf chronologisch durch den Lebenslauf und die geistige Entwicklung des Pfarrerssohns aus Konolfingen, andererseits versucht Rüedi in sechs längeren Exkursen zu etlichen Themen, die Dürrenmatt ein Leben lang beschäftigten, die Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren.

Vom Bewusstsein der Genialität

Oft wiederholt sich Rüedi mit dieser Methode, manche Zitate holt er immer aufs Neue hervor. Er jagt uns Leserinnen und Leser hin und her durch ein Werk und ein Leben und damit quer durch den abendländischen Bildungskanon, den Dürrenmatt sich gründlich angeeignet hat und ständig zitiert. Fängt man beim Lesen jedoch an zu blättern und liest aus Überforderung nur noch einzelne Abschnitte (was Rüedi in Interviews empfiehlt), wird das Verstehen nicht unbedingt leichter, denn dieses Buch hat natürlich schon seine Logik und seinen sinnvollen Aufbau; es ist vielleicht eine Zumutung, aber kein Sammelsurium.

Schliesslich hört Peter Rüedis Biografie aber viel zu früh auf, oder sie wird ungenau und franst gegen hinten aus: dort nämlich, wo Dürrenmatt mit seiner Arbeit plötzlich Millionär wird. Dieser ist gerade mal 36 Jahre alt, als sich 1957 «Der Besuch der alten Dame» – ein Drama von Schuld und Wirtschaftswunder – international durchsetzt. Zuvor hat Friedrich Dürrenmatt zehn Jahre lang mit Schreiben knapp überlebt; oder genauer mit Schreiben und Betteln, denn er war nach einem verbummelten Studium ohne jede berufliche Absicherung freier Autor geworden, und fast gleichzeitig wurde er auch Familienvater. Er lebte mit Frau und Kindern in erbärmlichen, abenteuerlichen Verhältnissen in Basel und am Bielersee, von Zuwendungen abhängig und eigentlich nur vom Bewusstsein der eigenen Genialität getragen. Doch dieses Bewusstsein trug ihn zum Glück weit genug.

Peter Rüedis Biografie ist eine Geschichte der Frühzeit Friedrich Dürrenmatts, eine «Biografie des Aufstiegs», wie der Autor selber schreibt, dabei ist sie ganz anders komponiert als die «Biografie eines Aufstiegs» über Max Frisch, die Julian Schütt vor einem Jahr herausgab. Man hat den Eindruck, dass zumindest bei Rüedi noch mehr geplant war und dass dem Autor nach zwanzig Jahren, 730 Seiten Lauftext und 230 Seiten Apparat einfach der Schnauf ausging.

Ein Landei in Zürich

Aber was erfahren wir nun in diesem dicken und fussnotenreichen Buch, was wir nicht schon irgendwo lasen und vielleicht wieder vergassen, was erfahren wir über die Zeit Dürrenmatts, welche ja immerhin die Zeit unserer Schweizer Väter und Grossväter war?

Da wird zunächst einmal die Geschichte eines protestantischen Pfarrerssohns aus konservativ ländlicher, gehobener Berner Familie berichtet. Das Milieu, dem Dürrenmatt entspringt, ist in seiner Geisteshaltung furchtbar eng: fromm, verklemmt, missionarisch. Sexualität ist ein absolutes Tabu. Das Schlafzimmer der Eltern darf nie betreten werden, auch wenn sie nicht drin sind. Christentum ist keine Befreiung, sondern nur Pflicht und Disziplinierung, allenfalls noch ein philologisches Erlebnis: Der Vater hat das Neue Testament sieben Mal im Original durchgearbeitet.

Man ist überheblich, antisemitisch und homophob, in der Praxis werden die evangelischen Eltern, die zuerst auf Hitler hofften, schliesslich aber judenfreundlich, und sie wirken aus christlichem Erbarmen im Umfeld der mutigen Flüchtlingshelferin Gertrude Kurz. Dürrenmatt ist ein mässiger Schüler, von Asthma und Heuschnupfen geplagt und leicht gehbehindert, mit lang anhaltender schwieriger Adoleszenz. Er wird im Gegensatz zu den Eltern bald ein junger Nazi und sogar eingetragener Frontist, das bleibt er offenbar etliche Monate, trotz Liebe zum «entarteten» Expressionismus, worauf er sich, ungefähr zur Zeit von Stalingrad, mit einem jüdischen Künstler anfreundet. Er residiert als «nihilistischer Dichter» in einer Zürcher Studentenbude und ist dort wohl ein ganz unerträglicher Plagöri, ein Landei, das schon nach einem halben Jahr in der kleinen Grossstadt gesundheitlich zusammenbricht und rasch ins gemütlichere Bern zurückkehren muss.

1941 schreibt Dürrenmatt eine todes- und machtsüchtige Faschoprosa, völlig humorfrei und entsetzlich, aber er zeichnet in diesen Jahren auch, und zwar viel lustiger, als er schreibt. Noch weiss er nicht, ob er Maler oder Dichter werden will, sicher ist nur, er wird Künstler, er ist bereits einer, wenngleich ohne vorzeigbares Werk. Diese Jugend, die in der verdunkelten und abgesperrten Schweiz des Zweiten Weltkriegs stattfand, möchte man jedenfalls nicht selbst erlebt haben, obwohl sie unvergleichlich bequemer war als die Jugend all der Leute in den Nachbarländern: Man fragt sich, man begreift dank Rüedi allmählich, welche Kraftanstrengung es gewesen sein muss, trotz Zusammenbrüchen, labiler Gesundheit und ewiger Irrläufe als junger Mann nicht aufzugeben und sich in einem auf Arbeit und Anstand erpichten Milieu beharrlich als Künstler selbst zu erfinden, statt nach dem Wunsch der Eltern eine bürgerliche Laufbahn einzuschlagen.

Oft allzu distanzlos

Dürrenmatt bricht auch in Bern das Studium ab. Er beschliesst eines Tages, Dichter, nicht Maler zu werden. Er verlässt seine erste Freundin, die seinetwegen nicht auf ihre Künstlerinnenkarriere verzichtet, und heiratet Wochen später eine andere, die es dann tut.

Wir lernen also einen gewaltigen Egomanen kennen. Das überrascht nicht, aber Rüedi zeigt ihn uns im Detail, und zwar mit einer oft etwas allzu distanzlosen Haltung, wenn er meines Erachtens zu viel erklärt, zu viel rechtfertigt und zu wenig einfach stehen lässt. Oder wenn er sich im alten, sinnlosen Streit zwischen Dürrenmatt- und Frisch-Anhängern sofort hinter Dürrenmatt einreiht und kein Auge dafür hat, wie dieser junge unerfahrene Autor vom zehn Jahre älteren, auf andere Art von der Kriegszeit gezeichneten und bereits sehr erfolgreichen Max Frisch geradezu brüderlich in die Schriftstellerwelt aufgenommen wird. Hinzu kommt, dass Rüedi uns auch den geistigen Hintergrund, auf dem Dürrenmatt sein Weltbild aufbaute – Immanuel Kant und Sören Kierkegaard etwa – zwar in verdankenswerter Weise sehr ausführlich, aber manchmal auch zu umständlich, zu germanistisch erschliesst: «Ohne Kierkegaard», sagte Dürrenmatt einmal, «bin ich als Schriftsteller nicht zu verstehen.»

Als hätten die Millionen, die ihn dann in der Nachkriegszeit auf der ganzen Welt verstanden, alle zuerst Kierkegaard lesen müssen.

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