Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Polizeiarbeit, real

Der US-Polizeireporter David Simon war 1988 ein Jahr lang mit den Detectives des Morddezernats von Baltimore auf der Piste. Baltimore, 600 000 EinwohnerInnen, rund 300 Tötungsdelikte im Jahr. (Kanton Zürich: 1,4 Millionen EinwohnerInnen, 12 Tötungsdelikte im Jahr.)

Ein ergiebiges Beobachtungsfeld für Simons ausführliche Polizeireportage «Homicide»: 640 Seiten im englischen Original (1991), 830 jetzt in der Übersetzung. Harte Drogen ruinieren ganze Bevölkerungsschichten, die wegen der Deindustrialisierung ohnehin keine Perspektiven haben. Drogendealer übernehmen ganze Quartiere, denen jegliche Infrastruktur fehlt. Der Staat ist nur noch in Gestalt der Polizei sichtbar.

Die Rede ist vom Schwarzenviertel Baltimores, vom Ghetto. Der Kampf der Polizei ist aussichtslos. Indem er die Polizeiarbeit aus der Sicht der Detectives zeigt, beschreibt David Simon auch den Verfall einer Grossstadt. Er hält sich zunächst strikt an seine Beobachtungen an Tatorten, auf Streife und auf dem Revier, flicht dann immer mehr Hintergrundinformationen ein: übers US-Justizsystem, über Gerichtsmedizin und Ballistik, Verhöre und Beweisketten. Simon beschreibt sachlich. Er nimmt nicht Partei für oder gegen die Polizei, sondern schreibt über sie.

Dass die Polizeiarbeit hier so wirklichkeitsnah dargestellt wird, ist eines der Verdienste von «Homicide». Ein anderer Pluspunkt sind die literarischen Qualitäten des Autors: Simon versteht sich auf Dialoge und Beschreibungen, auf Tempowechsel und Zoomeffekte. Man stellt fest: Polizeiliche Realität und Krimis haben nichts gemein. Längst nicht jeder Fall wird aufgeklärt. Und während Krimikommissare einen Roman lang an einem einzigen Fall herumknobeln können, arbeitet ein Polizist in Baltimore (wie bei der Kantonspolizei Zürich) gleichzeitig an mehreren Fällen.

Dieses Reportagebuch liest sich wie ein Krimi. Und zwei Krimi-TV-Serien hat David Simon aus «Homicide» auch gemacht: «Homicide» und «The Wire». Beide gibts auf DVD. Ebenfalls absolut empfehlenswert.

Raphael Zehnder

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