Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Vom Freiheitskampf zur Plünderung

1996 begann im Kongo ein Krieg zwischen unterschiedlichen Staaten und Rebellengruppen, über fünf Millionen Menschen kamen ums Leben. Jason Stearns zeichnet die Geschichte dieses Kriegs nach.

Von Daniel Stern

Es ist ein Krieg, an dem bis zu neun staatliche Armeen und zwanzig verschiedene Rebellenorganisationen beteiligt waren. In der heutigen Demokratischen Republik Kongo starben seit 1996 über fünf Millionen Menschen als Folge dieser bewaffneten Auseinandersetzung, Hunderttausende Frauen wurden in dieser Zeit vergewaltigt. Doch während über den Genozid in Ruanda, der diesem Krieg vorausging, sehr viel in den Medien berichtet wurde, sind die Ereignisse im Kongo viel weniger präsent.

Der US-amerikanische Journalist und Menschenrechtsaktivist Jason Stearns hat sich mit seinem 2011 auf Englisch erschienenen Buch «Dancing in the Glory of Monsters» zum Ziel gesetzt, die Geschichte dieses Kriegs zu erzählen. Er liefert dabei keine einfache Erklärung, und schon gar nicht macht er einige wenige verantwortlich für das grauenhafte Morden. An einer Stelle schreibt er: «Es ist nicht hilfreich, das Böse zu personalisieren und so zu suggerieren, dass irgendwer in diesem Krieg eine besonders teuflische Rolle spielte. Es ist nützlicher, zu fragen, was für ein politisches System diese Art von Gewalt produziert hat.»

Der hilfsbereite Massenmörder

Stearns’ Buch ist der Versuch, eine differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Der Autor sprach mit den unterschiedlichsten ZeitzeugInnen: Flüchtlingen, Geschäftsleuten, Politikern und ganz durchschnittlichen KongolesInnen. Ein Dutzend Mal traf er den früheren Militärkommandanten der Bewaffneten Kräfte Ruandas (FAR), Paul Rwarakabije, der eine am Krieg beteiligte Rebellengruppe befehligte. Dabei stiess er auf das, was die Philosophin Hannah Arendt als «Banalität des Bösen» bezeichnete: Er traf einen stets freundlichen und hilfsbereiten Mann, der immer Zeit für ihn fand. Bei seinen Soldaten war er beliebt, eine Vaterfigur. Doch Rwarakabijes Truppen haben sich zwischen 1996 und 2003 unzähliger Massaker, Massenvergewaltigungen und Brandschatzungen schuldig gemacht. Auf solche Vorwürfe reagierte Rwarakabije mit dem afrikanischen Sprichwort «Wo Elefanten kämpfen, ist das Gras niedergetrampelt». Wie viele andere auch, so Stearns, negiert Rwarakabije die Verantwortung oder schiebt sie auf andere ab.

Der Kongokrieg geht direkt auf den Genozid im Nachbarstaat Ruanda von 1994 zurück, wo innerhalb von hundert Tagen rund 800 000 Tutsi und regierungskritische Hutus umgebracht wurden. Nach dem Sturz der Regierung Ruandas flohen Hunderttausende Hutus – ZivilistInnen wie auch ehemalige Regierungssoldaten und am Genozid Beteiligte – über die Grenze in den Kongo. Die frühere Armee Ruandas, die FAR, sammelte sich dort und begann schon bald Überfälle in Ruanda zu organisieren.

Am 30. August 1996 startete eine Allianz aus verschiedenen afrikanischen Staaten, angeführt von Ruanda, eine Invasion in den Kongo – damals noch Zaire –, der von Diktator Mobutu Sese-Seko beherrscht wurde. Vordergründiges Ziel war es, das Treiben der FAR, aber auch die ethnische Verfolgung der Tutsi im Kongo zu beenden. Stearns schreibt dazu, dass der Beginn dieser Invasion «vielleicht den Höhepunkt der afrikanischen Renaissance» markierte. Hier hatte sich eine Allianz zusammengefunden, die noch vom «Geist des Panafrikanismus» getrieben war. Doch bald wurden «aus Freiheitskämpfern plündernde Rebellen, Selbstverteidigung wurde zu Selbstbereicherung».

Immer wieder vertrieben

Mobutu wurde 1997 gestürzt, an seine Stelle setzte sich der Rebellenführer Laurent Kabila. Doch die panafrikanische Allianz zerbrach. Schon 1998 wurde der Krieg unter neuen Vorzeichen fortgesetzt. Kabila kämpfte gegen die ruandische Regierung, beide Seiten wurden von verschiedenen afrikanischen Staaten unterstützt, ausserdem mischten Rebellengruppen aus dem Kongo und aus den Nachbarstaaten mit. Im Prinzip ging es nur noch um das Geschäft: Gekämpft wurde um den Zugang zu den Rohstoffen wie Diamanten, Kupfer, Zinn, Coltan und Kobalt, von denen im Kongo grosse Vorkommen existieren. Der Absatz war nie ein Problem. Am Krieg im Kongo verdienten internationale Konzerne kräftig mit.

Stearns beschreibt in seinem Buch auch die andere Seite – wie ganz normale Leute zum Spielball der Kriegsmächte wurden: Beatrice Umutesi floh zusammen mit ihrer Mutter und vier Schwestern mit Hunderttausenden von Ruanda nach Zaire. Sie schildert das Leben in den Flüchtlingslagern, in denen Gewalt gegen Frauen weitverbreitet war. Nach Ausbruch des Kriegs mussten sie weiter ins Landesinnere fliehen, Hunderte von Kilometern zu Fuss, oft durch den Urwald, nur um später erneut vertrieben zu werden. Stears nennt die Zahl von 60 000 ruandischen Flüchtlingen, die während des Kongokrieges getötet wurden. Weitere 180 000 würden vermisst.

Trotz verschiedener Friedensverträge ist der Kongo nie zur Ruhe gekommen. Im Osten des Landes flammen immer wieder neue Kämpfe auf, auch wenn sich die kriegerischen Verbände der Nachbarstaaten inzwischen ganz aus dem Land zurückgezogen haben. Ein funktionierender Staat ist die Demokratische Republik Kongo bis heute nicht. Stears bietet keine Antworten, wie der Krieg zu verhindern gewesen wäre. Doch das Buch trägt immerhin dazu bei, dass die Vorgänge im Kongo aus dem kollektiven Gedächtnis im Norden nicht ganz verdrängt werden.

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