Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Die grossen und kleinen Leute in Rorschach

Ein Buch über eine wenig bekannte Stadt am Bodensee erzählt auf exemplarische Weise vom Alltag im 20. Jahrhundert.

Von Stefan Keller

Die alte Industriestadt Rorschach am Bodensee ist ein Ort, den man westlich von Winterthur nur wegen seiner Erwähnung im Eisenbahnlied von Mani Matter kennt, und in der Tat war Rorschach mit seinen Bahnhöfen, den zahlreichen Barrieren und dem Hafen früher ein wichtiges Verkehrszentrum.

Sogar in der Ostschweiz wird Rorschach häufig mit Romanshorn verwechselt, einem einst ebenfalls wichtigen Hafen und Bahnknotenpunkt zwanzig Kilometer nordwestlich. Zwischen Romanshorn und Rorschach liegt Arbon. Alle drei Orte haben ihre industrielle Bedeutung und damit auch die Rolle als Zentren der organisierten Arbeiterschaft seit langem verloren. Die vor hundert Jahren prägende Textilindustrie ist verschwunden, die bedeutende Maschinenindustrie zusammengeschrumpft. Auf verseuchten Industriebrachen und leeren Gleisarealen wird von industriellem Glanz vielleicht noch geträumt – oder von einer besseren Zukunft als Freizeitpark: Denn die Lage dafür wäre ausgezeichnet. Das Wasser ist heute wieder sauber, die Luft sehr gut, der Föhn lässt den See oft spektakulär erscheinen, Bade- und Uferanlagen gibt es zuhauf, Autobahnanschlüsse ebenfalls, und sogar der Nebel im Winter hat etwas Zauberhaftes. Nur die Hotels rentieren nicht recht.

Mehr als normale Lokalhistorie

Über Rorschach, das auf Durchreisende einen etwas heruntergekommenen Eindruck macht, verunstaltet auch von Bauprojekten der jüngeren Zeit, ist kürzlich ein sehr schönes Buch erschienen. In «Rorschach. Geschichten aus der Hafenstadt» erzählt Otmar Elsener die lokale Geschichte des 20. Jahrhunderts in einer Art, die über normale Lokalhistorie hinausgeht.

Elsener, ein pensionierter Stickereikaufmann, berichtet zwar wie jeder Lokalchronist von glorreichen Ereignissen seiner Stadt, von der Zeit etwa, als der spätere Papst Pius XII. hier regelmässig Ferien verbrachte (in einem Mädcheninternat), von der berühmten Flugzeugfabrik Altenrhein, die einen Düsenjäger für die Schweizer Armee bauen wollte und 1958 im letzten Moment daran scheiterte. Oder – eben – vom industriellen Boom um 1900, als die Bevölkerungszahl dank der vermutlich weltgrössten Stickereifabrik explodierte. Doch mindestens so wichtig wie diese Geschichten, deren sich jede Stadt rühmen möchte, sind dem Autor die kleinen Erinnerungen aus dem Alltag der Leute, etwa die Biografie eines Marronibrater- und Kioskbesitzerpaares oder die Geschichte eines Werkmeisters, dessen Onkel mit Herrn Saurer in Arbon ein Schienenauto entwickelte.

Katholiken gegen das «Sozibad»

Elsener selbst, Jahrgang 1934, ist an diesem Ort aufgewachsen, nach zehnjährigem Aufenthalt in den USA kehrte er 1964 zurück, um zu bleiben. Schon auf den ersten Seiten erzählt er vom Geruch des Sommers, den einst der Spritzenwagen auf den staubigen Strassen hinterliess, von Arbeiterkindern, die für die Roco-Konserven in Heimarbeit Bohnen fädelten und Karotten höhlten. Er schreibt über Leichentransporte mit Ross und Wagen, die aufhörten, als 1959 zwei Rappen mit der Leiche quer über den Friedhof durchbrannten, schreibt vom Brüllen des Viehs in den Metzgereien, das dank eines Schlachthofs an den Stadtrand verschwand, resümiert die Entwicklung des Lokalsports vom Handball zum Fussball oder die irrsinnige Verkehrsplanung, die immerhin nicht ganz verwirklicht wurde.

Mehr als die heute legendäre hölzerne Badhütte von Rorschach (die einzige dieser Art, die am Bodensee übrig blieb) interessiert ihn der Bau des ersten Strandbads, des «Sozibads», gegen das Katholiken agitierten, weil es dort keine Geschlechtertrennung gab. Das Bad lag neben dem Schlachthaus, 1965 ging die Stadtverwaltung dazu über, das Ufer täglich von toten Fischen zu reinigen.

Otmar Elsener hat viele ZeitzeugInnen interviewt und scheint sein Leben lang recherchiert zu haben. Wegen der Liebe zum Detail und der literarischen Qualität ist das Buch exemplarisch: Baustein einer Geschichte des Schweizer Alltags und damit auch für LeserInnen geeignet, denen an Rorschach gar nicht so viel liegt.

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