Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

Den «Hung» spielen

Alle kennen die penible Situation einer ganz normalen Familie: Man setzt sich an den Esstisch für die gemeinsame Mahlzeit. Ein heiliger Moment von grosser Zwanghaftigkeit. Lustvoll entthront wird diese schreckliche Heiligkeit im Mundarttext «Tomaten uf de Ohre» des in Basel lebenden Berner Schriftstellers Guy Krneta, selbst Vater von vier kleinen Kindern. Und dennoch bleibt uns das Lachen manchmal im Hals stecken. Denn das nervige Familienoberhaupt, absolut frei von Humor, spricht brutal erniedrigend zu den Jüngsten, die der penetrante Monolog zu krankhaftem Verhalten zwingt: Sie ziehen den «Ässmäntu» nicht an, stopfen sich buchstäblich Tomaten in die Ohren, spielen den «Hung» unter dem Tisch und schaffen es nicht rechtzeitig aufs WC. Und dann der Gipfel, als der Tischoberst meint: «I wett so gärn einisch i Rue chönne ässe.»

Die Spoken-Word-Texte im schmalen Band «Umkehrti Täler» sind nicht unbedingt leichte Kost, denn der Berner Dialekt ist eine Sache für sich. Dafür ist die Lektüre ausgesprochen unterhaltsam: Der Autor, der sich mit anderen streitlustig gegen die Einmischung rechtslastiger Mannen bei der Basler Monopolzeitung wehrt, ist ein scharfzüngiger Ironiker. Er denkt dergestalt laut über typische Situationen oder Gegenstände nach, dass wir uns mit ihm wie kleine AlltagsphilosophInnen vorkommen. Wenn einer ein Meister darin ist, das «Festgefügte», wie er in einem Interview selber meint, zu dekonstruieren, dass sogar wir TäterInnen Lust statt Frust empfinden, dann er.

Und wie geht Krneta dabei vor? Denkbar einfach, indem er nämlich die wahnhafte Kontrolliererei der zu kurz Gekommenen, die Absurdität spiesserischer Konventionen durch leicht variierende Wortgruppenrepetitionen entlarvt. Zum Beispiel so: «Geisch haut vom Tisch. Geisch haut i ds Zimmer. Geisch haut i ds Bett. Geisch haut use. Issisch haut nüt. Hesch haut när Hunger. Hesch haut när Turscht. Vrturschtisch haut. Vrhungerisch haut. Bisch haut säuber tschuud.»

Anna Wegelin

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