Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Stadt für Farbenblinde

Von Stephan Pörtner

Bunte Häuser waren nicht nur Stadtplanerinnen und Architekten, sondern auch Farbenblinden seit längerem ein Dorn im Auge. Die einen sahen ihren ästhetischen Weltherrschaftsanspruch infrage gestellt, die anderen rannten ständig dagegen, weil sie ja Farbiges nicht sehen konnten, und holten sich so blaue Beulen, die ihnen auch nichts nützten, sondern ihren Aussenseiterstatus erst recht zementierten. Darum wurde die Behördeninitiative «Beige, Ocker und Siena» eingereicht, die von dem verluderten und vergnügungssüchtigen Volk, das sich an dem bunten Gemäuer auch noch freute, mit Verve bachab geschickt wurde. Ob dadurch das Stadtmarketing für immer verunmöglicht oder im Gegenteil völlig überflüssig geworden war, bleibt strittig.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen.

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