Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Die guten und die schlechten Vermächtnisse Europas auf den Philippinen

Erneut Kidnapping: Mitte letzter Woche entführten Unbekannte auf der südphilippinischen Insel Tawi-Tawi zwei Touristen (darunter einen Schweizer). Wer hinter der Tat steckt (etwa muslimische RebellInnen?), war bis Redaktionsschluss dieser Seite unklar. Sicher ist nur, dass die philippinischen Streitkräfte Jagd auf die Kidnapper machen – und die Gelegenheit wohl auch nutzen, die Bevölkerung zu drangsalieren. Noch immer bekämpft die Armee im Süden des Archipels und vor allem auf der grossen Insel Mindanao die Befreiungsfront der Moros MILF (siehe WOZ Nr. 49/11).

Aber seit wann gibt es diesen Konflikt zwischen den Machthabern in Manila und der vorwiegend muslimischen Bevölkerung im Süden? Seit der Einfluss militanter Islamisten in der muslimischen Welt zugenommen hat? Oder seit der Unabhängigkeit der Philippinen 1946? Weit gefehlt. Schon Philipp II. (1527–1598), der fundamentalistisch-katholische König von Spanien (nach dem die Inselgruppe benannt ist), ging unerbittlich gegen die «Moros», die MuslimInnen, vor. 1565 hatte Spanien die Inseln seinem Weltreich einverleibt. Als die USA dann die Herrschaft über die Philippinen übernahmen (1898–1946), wurde es nicht besser. Denn zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wütete John Joseph Pershing (der später den Ehrentitel «General aller Armeen der Vereinigten Staaten» verliehen bekam) auf Mindanao.

All diese «Vermächtnisse», die das Land heute noch prägen, hat Rainer Werning in einem Vortrag zusammengefasst, den er an philippinischen Universitäten hielt und der jetzt als Buch vorliegt. Werning, wohl der dienstälteste freie Mitarbeiter der WOZ, beschäftigt sich seit 1970 mit den Philippinen. Und so wimmelt es in seinem facettenreichen Referat von Hinweisen auf Sachverhalte, die man kaum kennt. Er erzählt von den Rebellionen der Filipinos/Filipinas, die erst von der Aufklärung, dann vom Marxismus inspiriert waren. Er berichtet, wie Nazideutschland den Einfluss der Franco-Faschisten auf die spanische Gemeinde in Manila nutzte, um der japanischen Invasion während des Zweiten Weltkriegs den Weg zu ebnen – nachdem die Philippinen jüdische Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen hatten. Und er schildert die politischen, kulturellen und persönlichen Kontakte, die es zwischen philippinischen und europäischen Intellektuellen gab.

Eine konzise Geschichte der Philippinen hat der sachkundige Autor und Universitätsdozent nicht vorgelegt; viele Fragen bleiben offen. Eine Gesamtschau bietet der Band (der den Vortrag gleich zweimal enthält, auf Deutsch und auf Englisch) also nicht. Aber dafür erscheint ja demnächst eine Neuauflage des von Werning mit herausgegebenen Standardwerks «Handbuch Philippinen». Im März kommt übrigens auch sein neues Buch über Korea auf den Markt. Kein Wunder, hat der Kerl kaum Zeit für all die WOZ-Texte, die wir gerne von ihm hätten.

Pit Wuhrer

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