Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Syngenta zahlt gern – aber nicht mehr, wenn es kritisch wird

Der Agrarkonzern Syngenta bezahlt zehn Millionen für eine neue Professur an der ETH Zürich – und redet auch bei der Berufung mit. Ist der Konzern an unabhängiger Agrarforschung interessiert? Bisherige Erfahrungen lassen Zweifel aufkommen.

Von Marcel Hänggi und Bettina Dyttrich

«Die Leitung der ETH handelt blauäugig», sagt François Meienberg, Landwirtschaftsexperte bei der Erklärung von Bern (EvB). «Es ist naiv zu meinen, ein Professor, der letztlich von einer Firma bezahlt wird, könne unabhängig agieren.»

Meienberg spricht vom Lehrstuhl «Nachhaltige Agrarökosysteme», den die ETH Zürich im Rahmen des neu gegründeten Kompetenzzentrums World Food System dieses Jahr besetzen will. Der Schweizer Agrarkonzern Syngenta finanziert den Lehrstuhl für die ersten zehn Jahre mit zehn Millionen Franken.

Es geht laut ETH darum, Wege zu finden, um «mit möglichst wenig Einsatz und Verlust den maximalen Ertrag» zu erreichen. Ertragsmaximierung war vor einem halben Jahrhundert der Ansatz der sogenannten grünen Revolution, die eine agrarchemieintensive Landwirtschaft in den Ländern des Südens förderte. Für die Hersteller von Agrarchemikalien ist das nach wie vor der einzige Weg, einer wachsenden Weltbevölkerung ausreichend Nahrung bereitzustellen. Die unabhängigen Agrarwissenschaften indes erkennen die grüne Revolution zunehmend als Sackgasse – so beispielsweise vor vier Jahren der breit abgestützte Weltagrarrat IAASTD in seinem Bericht zur globalen Landwirtschaft. An diesem Bericht über die Landwirtschaft – wohl dem umfassendsten, den es je gab – arbeiteten rund 400 ExpertInnen aus der ganzen Welt. Neben Wissenschaftlern machten auch VertreterInnen von bäuerlichen Organisationen und NGOs mit, Fachleute aus dem Agrobusiness genauso wie GentechkritikerInnen; Menschen aller Kontinente, Männer und Frauen waren angemessen vertreten.

«Syngenta hat ja nur einen Sitz»

Die ETH betont, ihre Lehrstühle seien unabhängig. Donald Tillman, Geschäftsführer der ETH Foundation, die den Vertrag mit Syngenta eingefädelt hat, sagt: «Warum soll jede Beziehung eines Forschers zu einer Firma gleich einen Konflikt darstellen?» Das Profil des betreffenden Lehrstuhls sei von der ETH-Leitung festgelegt worden, bevor man einen Geldgeber gesucht habe. Syngenta erhalte ja nur einen Sitz in der Berufungskommission – einen von sechzehn.

Schlammschlacht in Fachmedien

Für andere ist ein Sitz einer zu viel. «Dass der Geldgeber bei der Berufung mitredet, wäre mit der Unabhängigkeit nicht vereinbar. Da sind wir strikt», heisst es auf Anfrage bei der Universität Basel. Syngenta habe in der ETH-Berufungskommission aber nicht nur einen Sitz, sondern einen privilegierten, sagt François Meienberg, der den Vertrag einsehen durfte: Der Syngenta-Vertreter kann Bedenken gegen den Vorschlag der Berufungskommission anmelden, die der ETH-Präsident laut Vertrag «zur Kenntnis nehmen» muss.

Meienberg sagt: «Bei dieser Professur geht es unter anderem darum, konventionelle und biologische Agrarsysteme zu vergleichen. So steht es im Pflichtenheft. Syngenta hat eine klare Haltung zu dieser Frage.»

Seit ein paar Jahren hofft die Agrarindustrie, von der internationalen Klimapolitik zu profitieren: Sie bemüht sich, unter dem Titel «Conservation Agriculture» den pfluglosen Ackerbau als klimaschonend anerkennen zu lassen, wodurch LandwirtInnen, die ohne Pflug arbeiten, verkäufliche CO2-Zertifikate für den Emissionshandel erhielten. Wenn nicht gepflügt wird, werden weniger Treibhausgase aus dem Boden freigesetzt – dafür braucht es mehr Herbizide, um das Unkraut in den Griff zu bekommen. Das Interesse der Herbizidhersteller an «nachhaltigen» Agrarsystemen ist vorgeschoben.

Zwar bescheinigen auch kritische ForscherInnen, projektbezogen gut mit Syngenta zusammenzuarbeiten – etwa in der Ausbildung. Doch Syngenta hat mehrfach gezeigt, dass sie nicht zögert, gegen die Wissenschaft zu arbeiten, wenn ihre Interessen tangiert sind. Auch ETH-MitarbeiterInnen sind davon schon betroffen gewesen.

So beteiligte sich die Agrarindustrie zunächst am Weltagrarrat IAASTD. Syngenta-Mitarbeiterin Deborah Keith war Mitglied der AutorInnengruppe, die das Kapitel zur Biotechnologie verfasste. Als sich abzeichnete, dass der IAASTD-Bericht die Biotechnologie skeptisch bewerten würde, zog sich die Agrarindustrie kurz vor der Publikation zurück und lancierte in den Fachmedien eine Schlammschlacht: Der IAASTD reflektiere die Rolle moderner Wissenschaft und Technik nicht angemessen, sein Vorgehen grenze an Blindheit.

ETH-Forscherin Angelika Hilbeck sass mit Keith in der Arbeitsgruppe. Die Industrie, sagt Hilbeck, habe die Gelegenheit, die angeblich fehlenden Fakten einzubringen, drei Jahre lang nicht genutzt: «Ich kann mich an keine einzige mündliche oder schriftliche Diskussion mit Keith erinnern.»

Zehn Millionen ohne Nutzen?

Ein anderer Fall betraf das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick (das für Syngenta LaborantInnen ausbildet). Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms zu Chancen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen wollte das Institut an Saatgut von Syngenta forschen – doch der Agrarkonzern wollte das Saatgut nicht zur Verfügung stellen. Auf Anfrage sagt Syngenta, man sei an unabhängiger Sicherheitsforschung sehr interessiert, habe aber nur begrenzte Mittel und könne deshalb nicht jedes Begehren unterstützen.

Vor einem Jahr fragte Maya Graf (Grüne BL) im Nationalrat: «Wie sieht der Bundesrat die Unabhängigkeit der ETH in Lehre und Forschung in Bezug auf eine Zehn-Millionen-Spende eines Weltkonzerns?» Der Bundesrat antwortete darauf mit der Sicht der ETH: Syngentas Engagement sei «rein finanzieller Natur», das Unternehmen habe keinen Einfluss auf die Forschungsthemen. Ist Maya Graf nun beruhigt? «Überhaupt nicht», sagt die Nationalrätin. «Auch wenn Syngenta sich nicht in die Forschung einmischt – eine solche Zusammenarbeit hat einen indirekten Einfluss auf die ETH. Warum sollte Syngenta zehn Millionen investieren, wenn sie sich keinen Nutzen davon verspräche?»