Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Mit Hip-Hop und Tramadol gegen das Trommelfeuer

Im Schatten der ägyptischen Revolution breitet sich der Jugendprotest auch im angrenzenden Gazastreifen aus. Junge PalästinenserInnen twittern und rappen gegen die Herrschaft der Hamas und der Fatah – und pendeln zwischen Gaza und Kairo.

Von Cedric Rehman (Text und Foto)

«Wir sind die Schwarzen des Nahen Ostens»: Der Rapper Aziz El Sakka greift zum Mikrofon, wenn ihn die Albträume plagen.

Wenn die Bomben fallen, geht Ebaa Rezeq online. Irgendwo zerbirst Beton, splittert Glas. Oft ist es ein ganzes Trommelfeuer an Detonationen. Die 21-jährige Studentin twittert dann, wie sehr sie sich freue über die israelische «Gutenachtsymphonie». Je mehr Bomben fallen, desto schriller werden ihre Witze, die sie in den Cyberspace schickt.

Wenn die Bomben fallen, dreht Aziz El Sakka, ebenfalls 21, die Anlage auf. Eminem rappt dann vom Überleben im Ghetto, und Aziz fühlt sich verstanden. Oft singt er mit seinem eigenen Rap gegen den Lärm an. Seinen Bruder Tawfik, der mit ihm das Zimmer teilt, stört das genauso wenig wie die Detonationen. Er ist seit dem letzten Krieg mit Israel, der Operation Gegossenes Blei Ende 2008, taub.

Auch nach Bombennächten wird es irgendwann Morgen. Ebaa und Aziz packen dann wie jeden Tag ihre Taschen für die Al-Azhar-Universität in Gaza, wo sie Politikwissenschaft studieren. Nach den Vorlesungen trennen sich ihre Wege: Aziz besucht das Studio seines Hip-Hop-Lehrers Ayman Jamal Mghames, eines Veteranen der Rapszene in Gaza. Ebaa macht sich auf ins Kaffeehaus Mazadj. Bei Latte macchiato und Pistazieneis wird hier geduldet, was sonst in Gaza undenkbar ist: Händchenhalten und Kritik an der Hamas.

Gaza–Kairo retour

Ebaas Laptop liegt aufgeklappt auf dem Bistrotisch. Über Twitter hält sie sich über die Entwicklungen im Nachbarland Ägypten auf dem Laufenden. Ebaa sieht die islamistischen Hamas-Leute, die seit ihrem Putsch 2007 im Gazastreifen an der Macht sind, als Befehlsempfänger der ägyptischen Muslimbrüder.

Vor gut einem Jahr schloss sich die Faust der Hamas um die unabhängige Jugendbewegung Sharek – die Hamas fand es unislamisch, dass in den Einrichtungen von Sharek vom Krieg traumatisierte Jungen und Mädchen gemeinsam Töpferkurse besuchten. Am 30. November 2010 stürmte die Polizei das Jugendzentrum der Organisation in Gaza, verhaftete Minderjährige und prügelte auf Kinder ein. «Das war der Anfang des Jugendprotests gegen die Hamas», sagt Rezeq. «Wir waren es gewohnt, von den Israelis angegriffen zu werden – dass es unsere eigenen Leute tun, können wir nicht ertragen.»

Im Dezember 2010 taten sich FreundInnen von Ebaa zusammen und stellten einen Text ins Netz: «Fuck the Hamas» lauteten die ersten Worte. Gefolgt von einer Aufzählung sämtlicher Akteure des Nahostkonflikts – von Israel bis zur säkularen Fatah von Präsident Mahmud Abbas. Kurz vor Beginn der Jasmin-Revolution in Tunesien setzte das Manifest des Gaza Youth Break Out ein rotzfreches Signal für die Aufsässigkeit der Jugend in den Ländern des Mittleren Ostens.

Am 15. März 2011 erlebten die Palästinensergebiete so etwas wie ihren Arabischen Frühling: In Gaza und im Westjordanland folgten mehr als 10 000  Menschen dem über Facebook verbreiteten Aufruf, auf die Strasse zu gehen. Den Jugendlichen ging es um das Ende des Kampfs der beiden Palästinenserorganisationen. Seit dem Hamas-Putsch 2007 zerreisst der Parteienkampf nicht nur Wohnviertel und Familien. Er zwingt die PalästinenserInnen auch dazu, sich einer Fraktion anzuschliessen. «Hamas und Fatah sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie haben das Land unter sich und ihren AnhängerInnen aufgeteilt, für den Rest bleibt nichts übrig», sagt Ebaa.

Offiziell haben die gegnerischen Parteien im Mai letzten Jahres Neuwahlen ausgerufen. Vergangene Woche haben sich Fatah und Hamas auf die Bildung einer Übergangsregierung unter Fatah-Chef Mahmud Abbas geeinigt, die am 18. Februar offiziell bestätigt werden soll.

Den AktivistInnen reichen die Absichtserklärungen der Parteiführer nicht. Sie haben die Cliquenherrschaft satt, besonders jene der Hamas. «Sie schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern. Dank der Hamas denkt die ganze Welt, wir hätten alle irgendwo unseren Sprenggürtel versteckt», sagt Ebaa. Niemand habe ausserdem vergessen, dass die Hamas den Marsch vom 15. März mit Gewalt gestoppt hat: «Meine Freundin Smah Ahmad haben sie festgenommen und verprügelt. Jetzt ist sie in Kairo auf dem Tahrirplatz.»

Ahmad ist nicht die einzige Palästinenserin, die die DemonstrantInnen in Kairo unterstützt. Viele junge Männer und Frauen aus Gaza pendeln zwischen Gaza und dem Nachbarland hin und her. Sie gehen ein grosses Risiko ein. PalästinenserInnen, die in Ägypten auf Kundgebungen erwischt werden, riskieren ein Einreiseverbot – und damit die Möglichkeit, überhaupt den Gazastreifen verlassen zu können. Ahmed wurde in Kairo festgenommen, weil sie angeblich bei einem Protest gegen das Assad-Regime Bäume vor der syrischen Botschaft angezündet hatte. «Scheitert die Revolution in Ägypten, bleiben wie unter Mubarak die Grenzen dicht, und wir sind für alle Zeiten eingesperrt mit der Hamas und den israelischen Bombern», sagt Ebaa. Das Internet wäre dann ihr einziger Zugang zur Welt.

Hip-Hop als Feindbild

Aziz El Sakka dreht am Regler, damit die Bässe dumpfer werden. Seine Reime beschäftigen sich mit dem internationalen Tag der Solidarität mit Palästina – einer von der Hamas geduldeten Kundgebung der unterschiedlichen Parteien. Auch Aziz hat daran teilgenommen. In Baggy-Hosen und Sweatshirt zwischen all den bärtigen Islamisten und strengen Kommunisten der Volksfront zur Befreiung Palästinas PLO.

Ayman Jamal Mghames, der Studiobesitzer, ist stolz, dass sich Aziz «als ganz normaler Junge» auf eine solche Kundgebung wagt. Noch vor fünf Jahren wäre er vielleicht gesteinigt worden, sagt er. Ein Witz ist das nicht. Als Mahmud Abbas 2005 den Gazastreifen besuchte, versuchte Mghames mit FreundInnen, auf der Bühne einen Begrüssungsrap aufzuführen. «Plötzlich kam ein Bärtiger und hat mir das Mikro aus der Hand genommen, und dann ging es los.» Die Hamas-Kämpfer stürmten die Bühne – mit Pflastersteinen. «Es war knapp», sagt Mghames.

Aziz sass nach der Schliessung des Jugendzentrums von Sharek im Gefängnis. Die Repression gegen die Hip-Hop-Szene hat seit den Protesten im März wieder zugenommen, obwohl sich die KünstlerInnen bemühen, die Hamas nicht zu provozieren. «Wir singen von der Freiheit unseres Landes, aber für die Hamas sind wir trotzdem haram», sagt Aziz. Sündig ist Hip-Hop für die Islamisten vor allem, weil er aus dem Westen kommt. Mghames ist das egal: «Mal sind die Raketen haram, die andere Milizen auf Israel abfeuern, mal sind sie Ausdruck von Heldentum. Je nachdem, wie es den Bärtigen passt.» Dabei, so Aziz, sei Hip-Hop ja nicht eine Musik der US-Amerikaner, sondern der AfroamerikanerInnen in den USA: «Und wir sind die Schwarzen des Nahen Ostens.»

Den Künstlernamen Black Soul hat er gewählt, weil es tief in ihm genauso ausgesehen hat, bevor er mit Hip-Hop angefangen hat: «Hip-Hop ist mein Tramadol», sagt er. Palästinensische ÄrztInnen verteilten das Schmerzmittel an die vielen Amputierten nach dem letzten Krieg mit Israel – als wärs Aspirin. Heute verhilft sich die Jugend in Gaza mit dem Medikament zu einem Rausch, in dem alles wie in Watte verpackt erscheint.

Aziz greift lieber zum Mikro oder haut in die Tasten seines Computers, wenn ihn die Albträume aus dem ewigen Krieg mit Israel plagen. Ebaa geht in solchen Momenten online, ihr Tramadol ist das Internet: «Eigentlich bräuchte ich eine Therapie», sagt sie, «wie wir alle.» In knapp zwanzig Jahren hat ihre Generation alles erlebt: Krieg, Bürgerkrieg und einen Volksaufstand – nur keine Sicherheit. Während der «Operation Gegossenes Blei» sass die damals Neunzehnjährige über Wochen mit ihrer Familie in ihrem Apartment fest. «Um sie nicht zu erschrecken, haben wir den Kindern erzählt, dass sie draussen Ballons zum Platzen bringen.» Wenn sie über ihr Leben in Gaza spricht, benutzt die zierliche Frau viele Kraftausdrücke. «Es ist einfach ein herrliches Gefühl, endlich der ganzen Welt sagen zu können: Fuck you!»

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