Nr. 08/2012 vom 23.02.2012

Die neue Gesellschaft nicht gefunden

Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte der Schweizer Männy Alt bei den Internationalen Brigaden. 1956 siedelte er mit seiner Familie in die Sowjetunion über. Die Erfahrung zerbrach ihn politisch.

Von Stefan Howald

Interbrigadisten, die um Quinto und Belchito kämpften, posieren im August 1937. Hintere Reihe, Mitte: Männy Alt. Foto: Nachlass Walter Graber

Seinen Einsatz für die republikanische Sache in Spanien 1937/38 hat Männy Alt bis ans Lebensende nicht bereut. Erich Schmids Buch liefert eine weitere Facette zu den 800 Schweizer SpanienkämpferInnen, deren Geschichte in den letzten Jahren erfreulicherweise gut dokumentiert und aufgearbeitet worden ist. Noch interessanter, weil kaum bekannt, ist der zweite Teil, Alts Leben in der Sowjetunion zwischen 1956 und 1960. Er suchte dort eine neue Gesellschaft mitsamt neuen Menschen und fand sie nicht: Das Scheitern prägte Alts weiteres Leben.

Die Biografie beruht auf langen Interviews, die der Filmemacher und Autor Erich Schmid bereits 1987/88 mit Hermann «Männy» Alt geführt hat. Dazu kommen nachträgliche Gespräche mit Alts Kindern Paul und Tamara sowie seiner Schwester Erna Bielser-Alt. Die Originaltöne werden gelegentlich mit erläuternden Zwischentexten verbunden; dazu kommt ein kenntnisreiches Nachwort zum Spanischen Bürgerkrieg von WOZ-Autor Ralph Hug.

Schwarze Listen

Erzählt wird eine Geschichte am Rand der Schweiz, die doch zu ihr gehört. Männy Alt, geboren 1910, Maschinenschlosser, trat früh der Kommunistischen Partei bei. Ende 1936 schloss er sich als Antifaschist den Internationalen Brigaden in Spanien an. Dreizehn Monate bekämpfte seine Einheit mit unzulänglichen Flugabwehrkanonen italienische und deutsche Jagdflieger, die General Franco unterstützten. Die brutalen Schlachten waren zugleich befeuernde und verstörende Erfahrungen.

Nach der Rückkehr in die Schweiz sass Alt fünf Monate Haft ab, leistete dann Dienst in der Schweizer Armee. 1944 trat er in die neu gegründete Partei der Arbeit (PdA) ein und betätigte sich in Baselland als Land- und Gemeinderat. Nach einem Fabrikstreik wurde er 1947 entlassen und auf eine schwarze Liste gesetzt. 1944 hatte er die aus der deutschen Deportation geflüchtete Russin Tanja Baklykowa geheiratet. Jetzt musste er seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen. Angesichts der versperrten Zukunft siedelten sie 1956 samt Kindern in die Sowjetunion über.

Bald kann sich Alt mit dem erzwungenen Schweigen über alles Politische nicht abfinden, noch weniger mit dem Schlendrian bei der Arbeit, der durch die Entmündigung entsteht. Zwar knüpft er Freundschaften, und den Kindern gefällt es am neuen Wohnort. Doch 1959 möchte er angesichts beengter Zustände in die Schweiz zurückkehren. PdA-Funktionäre versuchen, durch Interventionen in der Sowjetunion die Rückreise zu verhindern, weil sie von der Schweizer Presse ausgeschlachtet würde. Die Ausreise vollzieht sich wie in einem Spionageroman: Die Familie flüchtet in die Schweizer Botschaft in Moskau, muss für ein halbes Jahr an ihren Wohnort zurückkehren, mit einer persönlichen Garantie von Aussenminister Andrei Gromyko bezüglich der späteren Ausreise.

Entpolitisiert

Mit der Rückkehr in die Schweiz vollzog sich bei Alt ein Bruch. Er gab der Bundespolizei Auskunft über ParteigenossInnen und erhoffte sich sogar eine Anklage gegen bestimmte PdA-Funktionäre. Um eine Stelle zu bekommen, betätigte er sich nicht mehr politisch, und unter diesen Umständen entpolitisierte er sich weiter. Sein Rückzug aus politischen Zusammenhängen liess ihn auch sozial vereinsamen. Andererseits wurde Alt im Alter von Albträumen vom Spanischen Bürgerkrieg heimgesucht. Spanien galt ihm immer noch als leuchtende Erfahrung, aber längst hatte sie jede praktische Konsequenz eingebüsst. So endete ein Leben, das voller Hoffnungen begann, resigniert und bedrückend.

Auch im Nachhinein vertrat Alt in Bezug auf die spanische Republik die kommunistische Linie und warf der anarchistischen Opposition Verrat vor. Schmid führt zum Schluss des Buchs ein fiktives Interview mit Alt, in dem dieser «Fehler» seiner früheren Positionen einsieht. Darauf hätte Schmid besser verzichtet. Ansonsten ist das Buch sehr lesenswert in seiner Darstellung einer widerständigen Tradition mit ihren Hoffnungen und ihrem Scheitern.

Erich Schmid: «In Spanien gekämpft, in Russland gescheitert. Männy Alt (1910–2000) – ein Jahrhundertleben». Orell Füssli. Zürich 2011. 192 Seiten. Fr. 39.90.

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