Nr. 08/2012 vom 23.02.2012

Kampf bis in den Untergang

Der britische Historiker Ian Kershaw fragt in seinem neuen Buch nach den Gründen, warum Nazi-Deutschland bis zum Schluss weiterkämpfte.

Von Jens Renner

Als das Offizierskorps des deutschen Kaiserreichs Ende Oktober 1918 die Hochseeflotte in eine letzte sinnlose Schlacht schicken wollte, meuterten auf mehreren Schiffen die Matrosen. Das war der Beginn der Revolution, die am 9. November die Abdankung Wilhelms II. erzwang. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschlands militärische Lage noch weit katastrophaler als 1918 – dennoch kämpften die Deutschen auch in aussichtloser Lage weiter, bis in den Mai 1945. Die Motive dafür erforscht und diskutiert der britische Historiker und Adolf-Hitler-Biograf Ian Kershaw in seinem neuen Buch «Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45».

Kershaw beginnt seine Darstellung im Sommer 1944, nach dem gescheiterten Attentat von Graf Claus Schenk von Stauffenberg auf Hitler. In den Berichten des Sicherheitsdienstes über die Stimmung in der Bevölkerung, einer für Kershaws Fragestellung eminent wichtigen Quelle, heisst es, die Meldungen von dem Anschlag hätten «im gesamten Volk schockartig stärkste Bestürzung, Erschütterung, tiefe Empörung und Wut ausgelöst».

Die Ermordung der Verschwörer wurde von der grossen Mehrheit begrüsst – die Volksgemeinschaft scharte sich um ihren Führer, der einmal mehr die «Vorsehung» auf seiner Seite zu haben schien. Der Vorstellung allerdings, der blinde Glaube an Hitler hätte bis zum Schluss gehalten, widerspricht Kershaw. Nicht nur in der Bevölkerung, auch in den militärischen und politischen Eliten schwand die Hoffnung auf den «Endsieg» – kein Wunder angesichts der im Westen wie im Osten unaufhaltsam vorrückenden Armeen der Anti-Hitler-Koalition.

Anatomie der Selbstzerstörung

Und dennoch kämpfte die Wehrmacht weiter, und die Behörden funktionierten, während die Zivilbevölkerung brav zur Arbeit ging. Kershaw sieht hierfür eine Reihe von Gründen. An vorderster Stelle nennt er den weit verbreiteten Wunsch, die Heimat gegen die Besatzung durch fremde Truppen, insbesondere die Rote Armee, zu verteidigen. Die NS-Propaganda über die «asiatischen Horden» fiel auf fruchtbaren Boden; reale sowjetische Gräueltaten wie die im ostpreussischen Nemmersdorf im Oktober 1944 wurden auf Anweisung von Propagandaminister Joseph Goebbels aufgeblasen, um die angebliche Alternative glaubhaft zu machen: Endsieg oder Ausrottung des deutschen Volks. Hinzu kamen: der Terror gegen mutmassliche oder tatsächliche RegimegegnerInnen; das Wüten der Militärgerichte gegen fahnenflüchtige Wehrmachtssoldaten; der Aufbau des – militärisch bedeutungslosen – Volkssturms als Mittel zur Kontrolle der Bevölkerung; die Mobilisierung der NSDAP durch fanatische Gauleiter, die bei einer Niederlage den Tod zu erwarten hatten.

Entscheidend aber sei etwas anderes gewesen, schreibt Kershaw in seiner Schlussbetrachtung «Anatomie der Selbstzerstörung»: «Die Strukturen nationalsozialistischer Herrschaft und die ihnen zugrunde liegenden Einstellungen sind die wichtigsten Gründe für Deutschlands Fähigkeit und Bereitschaft, bis zum absoluten Ende zu kämpfen. Alle anderen Faktoren» – Hitlers Popularität, der Terror, die Partei et cetera – seien «der Struktur des charismatischen Führerregimes, der Art und Weise, wie dieses bis in die Endphase funktionierte, untergeordnet» gewesen. Für besonders wichtig, und das zu Recht, hält er die «Leitkultur» der Generäle, die sich in ihrer überwältigenden Mehrheit durch ihren Eid auf Hitler gebunden sahen – auch wenn sie dessen militärstrategische Fähigkeiten zunehmend anzweifelten.

Die tabuisierte Frage

Ähnlich verhielt es sich mit dem verqueren «Pflichtbewusstsein» deutscher StaatsdienerInnen. Für deren teilweise absurde Beschäftigung mit sinnlosen Verwaltungsakten schildert Ian Kershaw eindrucksvolle Beispiele. Über die Weltanschauung der NS-Volksgemeinschaft äussert er sich dagegen kaum. Zwar nennt er rassistisch motivierten Antibolschewismus – Antisemitismus erscheint bei ihm dagegen als Spezialität von «Fanatikern», zumindest in seiner Form als Vernichtungs- und Erlösungsantisemitismus. Dessen Kern war die Vorstellung eines Endkampfs zwischen der «arischen Rasse» und dem «Weltjudentum», in dem es für die Arier nur Sieg und Erlösung oder Untergang geben konnte – genau das, was die Propaganda den VolksgenossInnen bis zuletzt einhämmerte.

Unbestreitbar hat diese Vorstellung für das deutsche «Durchhalten» eine Rolle gespielt –
ebenso wie die Einsicht, dass die Monstrosität der deutschen Verbrechen, vor allem an den europäischen Jüdinnen und Juden, jede Hoffnung auf eine milde Behandlung durch die Sieger ausschliessen musste. (Dass es dann anders kam, konnte sich 1945 niemand vorstellen.)

Ian Kershaw hat ein wichtiges Buch geschrieben, das als erste Gesamtdarstellung zum Thema eine Lücke schliesst. Völlig zu Recht setzt er sich implizit auch mit einer Frage auseinander, die nach den strengen Massstäben der Geschichtswissenschaft unzulässig erscheinen mag: Ob denn 1944/45 ein anderer Verlauf der Dinge möglich gewesen wäre. Diese Frage ist schon deshalb notwendig, weil das letzte Dreivierteljahr des Krieges noch einmal Millionen unnötige Opfer brachte. Auch dafür ist einzig und allein die deutsche Seite verantwortlich.

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