Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Am Morgen, als der Frühling endete

Von Jan Jirát

Im August 1968 verbringt die junge Schweizer Journalistin Paola Rouge-Malatesta mit ihrem Ehemann einige unbeschwerte Ferientage in Prag. Die Stadt und mit ihr die ganze Tschechoslowakei sind euphorisiert vom Prager Frühling, dem politischen Reformprozess, der in vollem Gang ist. Doch dieser Frühling endet am Morgen des 21. August 1968 abrupt, als sowjetische Panzer das ganze Land besetzen.

Rouge-Malatesta ist an jenem Morgen alleine unterwegs in der Stadt, um eine Schallplatte mit Musik von Antonin Dvorak zu besorgen. Zu spät realisiert sie, was in den Strassen Prags los ist. Die Wege zur Herberge, wo ihr Mann auf sie wartet, sind plötzlich abgeschnitten. Gemeinsam mit dem Plattenverkäufer Stepan Stacek – zugleich ein politischer Aktivist – irrt sie in den folgenden Stunden durch die besetzten Gassen der Stadt und lässt sich zunehmend anstecken vom Widerstandswillen und der Leidenschaft Stepans und seiner MitstreiterInnen. Die Schweiz und ihr Eheleben rücken immer weiter weg, und Rouge-Malatesta beschliesst, in Prag zu bleiben, um von den Ereignissen berichten zu können. Und um bei Stepan bleiben zu können.

Die Schweizer Schriftstellerin Anne Cuneo hat ihren Roman über die Ereignisse in Prag im August 1968 bereits 1990, kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, auf Französisch verfasst. Nun liegt erstmals eine deutsche Übersetzung vor.

Was «Stepan. Tage der Wahrheit in Prag» überaus lesenswert macht, sind die vielen Szenen in den Strassen, Wohnungen und Fabrikhallen von Prag. Eindringlich beschreibt sie die Stimmungen unter den Widerstandswilligen, die von den politischen Ereignissen förmlich zerrissen werden – schwankend zwischen Euphorie und Skepsis, zerrieben zwischen Trotz und Trauer. Aufschlussreich sind auch die detailliert beschriebenen politischen Parolen, Flugblätter und Diskussionen. Die Liebesgeschichte hingegen, die den Rahmen der Erzählung bildet, erreicht nie die Lebendigkeit und Leidenschaft der Aussenwelt.

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