Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Spricht eine Heirat in Weiss gegen die Gleichstellung?

Dreizehn Jahre lang bei der Stadt Zürich für die Gleichstellung gestritten: Jetzt reicht es, findet Dore Heim und wechselt im September zum Gewerkschaftsbund. Ein Gespräch über traditionelle Hochzeiten, eine Frauenquote in der Wirtschaft und Männer, die ihr Recht auf Zeit mit der Familie nicht einfordern.

Von Lotta Suter (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Dore Heim: «Das Beharrungsvermögen eines so offensichtlich dysfunktionalen und unprofitablen Systems ist beinahe schon surreal.»

WOZ: Frau Heim, zuerst ganz herzliche Gratulation zu Ihrer neuen Stelle im Zentralsekretariat des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Ist Ihnen das Thema Gleichstellung verleidet?
Dore Heim: Nein, überhaupt nicht. Aber ich war dreizehn Jahre Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Zürich, das ist lange genug. Die Arbeit mit diesem gesellschaftspolitischen Thema braucht eine gewisse Spannung. Eine Spannung, die man andern zumutet, in der man aber auch selber drinsteht. Man darf nicht zu routiniert werden.

Als junge Frauen haben Sie und ich noch gegen die patriarchale Kleinfamilie rebelliert. Wofür kämpfen eigentlich unsere Töchter?
Vor zwanzig, dreissig Jahren haben wir den Gang aufs Standesamt eher als bürokratischen Akt empfunden. Die Generation meiner Tochter greift wieder auf Tradition und Formalitäten zurück. Das traditionelle Familienbild erlebt zurzeit ein wahres Revival. Hier im Zürcher Stadthaus gibt es nicht bloss die Fachstelle für Gleichstellung, sondern auch das Trauzimmer. Ich bin immer wieder perplex, wenn ich sehe, wie pompös und traditionell die Hochzeiten daherkommen. In diesen Ritualen spiegelt sich auch eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit – in einer Welt voller Mehrdeutigkeiten.

Spricht eine Heirat in Weiss denn unbedingt gegen die Gleichstellung?
Natürlich kann man sagen, es sei bloss ein Spiel mit Bildern, aber es ist doch verblüffend, dass es archaische Geschlechterbilder sind, auf die zurückgegriffen wird. Wieso sind nach so vielen Jahren Feminismus nicht neue Bilder und neue Rituale entstanden? Immer noch sieht man die Braut in Weiss, den Bräutigam im Jackett und daneben die beglückten Eltern, die das Fest finanzieren müssen, weil es so aufwendig ist. Meiner Tochter würde ich eine solche Heirat nicht bezahlen.

Bei aller stilistischen Nostalgie stellt sich doch heute niemand mehr offen gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Das läuft anders ab. Man ist nicht pauschal gegen die Gleichstellung der Frauen, aber gegen bestimmte Anliegen. Die Geschlechterquote in den Spitzenpositionen von Wirtschaft und Politik ist so eine Pièce de Résistance. An der Frauenquote machen sich viele alten Ressentiments fest.

Der Einzug von Frauen in Chefetagen löst also ähnlich emotionale und auch irrationale Reaktionen aus, wie es damals die Einführung des Frauenstimmrechts tat?
Ja, dazu ein Beispiel: In der aktuellen Wirtschaftskrise wurde es eine beliebte PR-Strategie, mehr Frauen an der Spitze von Unternehmen zu fordern. Wenn man die realen Zahlen in der Schweiz anschaut, zeigt sich jedoch, dass die Zahl der Chefinnen in den letzten zwei Jahren hierzulande nicht gestiegen, sondern zurückgegangen ist. Denn die Boys-Netzwerke hatten sich im Nu gegen die drohende Konkurrenz der Frauen zusammengeschlossen. Dieses Beharrungsvermögen eines so offensichtlich dysfunktionalen und unprofitablen Systems ist beinahe schon surreal.

Dazu passt wohl auch der Kioskaushang, den ich heute auf der Fahrt zum Interview gesehen habe. Da wurde behauptet, in der Schweiz sei der weibliche Sexismus das Hauptproblem.
Es ist so öde, wie immer wieder der Antagonismus von Männern und Frauen beschworen wird. Aber es funktioniert wie auf Knopfdruck. Ich finde es typisch, dass wir diese Diskussionen jetzt haben, wo die Frauen als Präsenz auf dem Arbeitsmarkt selbstverständlicher geworden sind. Die Chancen der jungen Männer und Frauen auf dem Arbeitsmarkt sind ja tatsächlich fast gleich – aber nur bis ein Kind dazukommt.

Dann greifen die alten Rollenbilder – auch für die Männer?
Stimmt, die Arbeitgeber nehmen an, dass junge Väter mit noch grösserer Motivation und Zuverlässigkeit für die Firma da sein werden. Wenn ein Mann sagt, er möchte sein Arbeitspensum reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben, dann stösst er meist auf extreme Konsternation. Die Frauen haben mit grosser Beharrlichkeit für gleiche Chancen bei der Bildung und im Erwerbsleben gekämpft. Genauso beharrlich müssen jetzt auch die Männer sein, wenn sie im Familienleben ihren Platz einnehmen wollen. Einen Platz, den die Frauen den Männern allerdings auch zugestehen müssen.

Wie viel individuelle Emanzipation ist für Männer und Frauen überhaupt möglich im Rahmen eines Wirtschaftssystems, das der Erwerbsarbeit absolute Priorität gibt?
Ich glaube, dass wir Frauen das verändert haben, was wir verändern konnten. Wir nahmen für uns in Anspruch, berufstätig und zugleich Mutter zu sein. Diese Doppelrolle ist mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert. Auch wenn es oft eine aufwendige Alltagsorganisation braucht, um Beruf und Familie verbinden zu können. Aber das grundlegende Umdenken in der Arbeitswelt selbst wird erst stattfinden, wenn die Männer massenhaft ihr Recht auf Zeit mit der Familie einfordern. Das Problem ist, dass sie das nicht tun.

Dore Heim (53) ist seit 1999 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Zürich. Vorher war sie Frauensekretärin bei der Schweizerischen Journalisten-Union. Ab Herbst 2012 wird sie im Zentralsekretariat des SGB das Dossier Service public betreuen.

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