Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Ich geniesse (also bin ich)

Eben erst hart erkämpft, droht die Freiheit, das eigene Leben zu geniessen, zur lästigen Pflicht zu verkommen.

Von Roman Schürmann

«Wird das Private zur einzigen Politik?» So war der Abend im Rahmen der von der WOZ mitorganisierten Reihe «Zur Lage der Republik» betitelt, an dem die Historikerin und Philosophin Tove Soiland kürzlich zu Gast war. Dabei wies sie nebenbei auf ein interessantes Phänomen hin: Die emanzipatorischen Bewegungen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts – die Frauen, die Achtundsechziger, die Homosexuellen, die Jugendlichen … – forderten mehr Freiheit für das Individuum, mehr Selbstständigkeit und also auch das Recht, zu geniessen. Nun ist vieles, wofür damals gekämpft werden musste, zur Normalität geworden. Zumindest in unseren Breitengraden können sehr viel mehr Menschen ihre Existenz einigermassen eigenständig einrichten; eine erfreuliche Entwicklung, so die Geschlechterforscherin.

Soiland stellte indes gleichzeitig etwas Beunruhigendes fest. Die Freiheit, sich nach Lust und Laune seinen selbstständig gewählten Genüssen zu widmen, wird zunehmend von einer Art Genusspflicht verdrängt – die Fähigkeit, zu geniessen, wird zur notwendigen Bedingung für ein geglücktes Leben. Genuss ist, um Soilands Faden aufzunehmen, kein Privileg mehr, auch keine Sache, die nur mich persönlich etwas angeht; ohne auf bestimmte Weise zu geniessen, ist gar kein vernünftiges Leben mehr vorstellbar. Mein privates Glück, gerade erst aus den Klauen patriarchaler, konservativer Moral befreit, gerät unter subtilen und verwirrenden gesellschaftlichen Druck.

Was, wenn das stimmt? Was ist dann mit der Freiheit passiert? Haben die KämpferInnen von anno dazumal versagt? Keinesfalls. Aber wir kehren nicht mehr ins Paradies zurück (zumindest nicht durch die Vordertür): Wenn wir nicht aufmerksam bleiben, wenn wir nicht Sorge tragen zu uns und unserem Geniessen, werden wir wieder zum «Opfertier», wie es Friedrich Nietzsche im Aphorismus 89 der «Vermischten Meinungen und Sprüche» (in «Menschliches, Allzumenschliches») ausdrückt, und unterwerfen uns der «Sittlichkeit».

Darunter versteht der deutsche Philosoph die Gesamtheit der «Sitten (…), unter denen man lebt und erzogen wurde» – heute heisst das: Sozialisation. Der «Ursprung der Sitte geht auf zwei Gedanken zurück»: Erstens ist «die Gemeinde mehr wert als der Einzelne», zweitens ist «der dauernde Vorteil (…) dem flüchtigen vorzuziehen». Auf den Einzelnen, der einwirft, «dass der Einzelne mehr wert sein könne als viele», kann keine Rücksicht genommen werden, ebenso wenig, wenn dieser sagt, «dass der gegenwärtige Genuss, der Augenblick im Paradiese vielleicht höher anzuschlagen sei als eine matte Fortdauer von leidlichen oder wohlhäbigen Zuständen». Ob der Einzelne mit dem, was «dem Ganzen frommt», nicht zurechtkommt, gar «verkümmere» oder «zugrunde gehe», ist, so Nietzsche, nicht von Belang, denn «die Sitte muss erhalten, das Opfer gebracht werden».

Auf den ersten Blick haben wir genau das überwunden. Scheinbar gilt heute der Einzelne alles. Aber wehe, der individuelle Genuss passt nicht zum dauernden Vorteil der Gesellschaft! Oder anders gesagt: Der ehedem subversive Genuss ist längst zum Geschäft geworden, und was nicht kommerziell verwertet werden kann, was ökonomisch sinnlos ist, kann niemals ein Genuss sein – ein Glückskind, wem solches nur als harmlose Macke nachgesehen wird.

«Die Philosophie des Opfertiers», bedauert Nietzsche, «wird aber immer zu spät laut.» Die Sittlichkeit obsiegt, der Einzelne reiht sich «als Glied eines Ganzen, als Ziffer einer Majorität» brav ein; ein Ausbruch, die Überwindung dessen, was dem «dauernden Vorteil der Gemeinde» dient, scheint unmöglich. Die einzige Chance läge darin, eine Kritik des Geniessens zu pflegen und den versittlichten Genuss zu meiden, auf die Gefahr hin, der Gemeinde zu missfallen. Oder aber die Zahl und vor allem die Macht der Einzelnen, die auf dem Opfertisch zu landen drohen, wird gross genug, um die «Gesinnung» der anderen, «welche nicht das Opfer sind» und die Sitte um jeden Preis erhalten wollen, zu übertrumpfen.

Sagen Sie heute mal, Sie genössen das Rauchen. Wer glaubt das Ihnen – oder sich selber – noch?

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