Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Der Albtraum einer Mutter

Von Silvia Süess

Der weisse Vorhang flattert leise im Wind. Die Balkontür ist offen. Draussen ist es dunkel. Im Hintergrund tickt etwas regelmässig – wie eine Zeitbombe.

Der Film «We Need to Talk about Kevin» der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay beginnt wie ein Horrorfilm – und im Grunde genommen ist er das auch: der Albtraum einer Frau und Mutter, den man als Zuschauende fast körperlich miterlebt.

Eva lebt einsam in ihrem Haus, das in der Nacht mit roter Farbe verschmiert wurde. Die Leute in der Gegend mögen sie nicht: Eine Frau greift sie auf der Strasse an, eine andere zerschlägt ihr im Einkaufszentrum die Eier. Eva reagiert kaum auf die Demütigungen – bleich und eingefallen wandelt sie durchs Leben.

In collageartigen Rückblenden rollt der Film auf, was Eva passiert ist. Dabei entwickelt «We Need to Talk about Kevin» einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Atemlos sitzt man im Kino und sieht zu: wie Eva einmal glücklich war. Wie sie mit ihrem Mann Franklin (John C. Reilly) eine Familie gründet, wie sie jedoch zu ihrem Sohn Kevin (Ezra Miller) keine richtige Beziehung aufbauen kann. Er ist ihr von klein auf fremd und unheimlich, und immer wieder scheint er Dinge speziell zu tun, um sie zu demütigen. Bis er dann das Schlimmste tut: Er verübt ein Massenattentat an seiner Schule.

Einmal mehr stellt Tilda Swinton unter Beweis, was für eine herausragende Schauspielerin sie ist: Zerbrechlich und doch stark ist sie als Eva, voller Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, aber auch voller Wut. Und grossartig spielt sie das Unmögliche: das Weiterleben als Mutter eines Attentäters.

Lynne Ramsay verzichtet in ihrem Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Lionel Shriver basiert, fast vollständig auf Psychologisierung und lässt das Unerklärbare unerklärt. Und wenn am Ende der Vorhang wieder flattert und es leise tickt, war alles noch viel schlimmer als zu Beginn erwartet.

Ab 1. März 2012 in Deutschschweizer Kinos.

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