Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Film

Zwischen Tradition und Moderne

Federschmuck, langes Haar, Speere und Lendenschürze: Das Bild, das in Filmen von amerikanischen UreinwohnerInnen transportiert wird, ist seit Jahrzehnten ein völlig klischiertes und oft falsches. Romantische Projektionen stehen anstelle der geschichtlichen Wirklichkeit und der zahlreichen Ungerechtigkeiten, die den Menschen widerfahren sind.

Im März ist im Neuen Kino in Basel eine Filmreihe zum Thema «Nordamerika-Indianer heute: Zwischen Tradition und Moderne» zu sehen. Die Filme zeigen einen realistischen Blick auf das Leben, den Alltag und die Geschichte der nordamerikanischen UreinwohnerInnen.

Den Auftakt macht der Dokumentarfilm «Reel Injun» von Neil Diamond. Er geht der Frage nach, wie die Darstellung des «Hollywood-Indianers» zum Verständnis und Missverständnis der Indigenen beigetragen hat. In Diamonds unterhaltsamer und doch sachlicher Verfilmung melden sich Regisseure, Schauspieler, Schriftsteller und AktivistInnen zu Wort – zu sehen sind auch Ausschnitte von «typischen Indianerfilmen». Weiter im Programm ist der Spielfilm «Smoke Signals» (1998) von Chris Eyre, der erste unabhängige Film in den USA, der ausschliesslich von Angehörigen der indigenen Urbevölkerung Nordamerikas besetzt, inszeniert und produziert wurde. In der Reihe laufen noch weitere sehenswerte Filme, die einen all die Indianerklischees vergessen lassen.
Silvia Süess

Filmreihe zu «Nordamerika-Indianer heute: Zwischen Tradition und Moderne» in: 
Basel Neues Kino, im März, jeweils Do/Fr, 21 Uhr. 
www.neueskinobasel.ch

Ausstellung

Diane Arbus

Die Fotografin Diane Arbus (1923–1971) hat in New York ihre Welt gefunden. Sie hat sie auf sensible Weise dokumentiert und mit ihren Aufnahmen auch immer wieder schockiert. Während ihren Stadterkundungen in den fünfziger und sechziger Jahren hat sie den Sucher vor allem auf die Menschen gerichtet und ungewöhnliche Porträts geschaffen, die für die Entwicklung der Fotografie wegweisend wurden. Ihre Arbeiten, die zum Teil als Fotoreportagen für Zeitschriften entstanden, zeigen Prominente und gesellschaftliche Randfiguren sowie ExzentrikerInnen aller Couleurs.

Das Kunstmuseum Winterthur präsentiert nun in einer umfassenden Retrospektive gegen 200 Aufnahmen von Arbus. Eine ganze Reihe von ihnen sind zu Ikonen der Schwarz-Weiss-Fotografie geworden. Es sind aber auch Fotos aus Privat- und Museumssammlungen zu sehen, die bisher kaum in der Öffentlichkeit gezeigt wurden.
Fredi Bosshard

Diane Arbus in: Winterthur Fotomuseum, Fr, 2. März, 18 Uhr; Eröffnung. Di–So, 11–18 Uhr; 
Mi, 11–20 Uhr. Bis 28. Mai. www.fotomuseum.ch

Konzert

The Nu Band

The Nu Band ist ein Organismus, der den gemeinsamen Atem gefunden hat. Gut grundiert durch den warmen «walking bass» von Joe Fonda, trabt die Band seit elf Jahren locker daher und hat ihre eigene Sprache entwickelt. Alle Mitglieder steuern Kompositionen bei, und bei jeder ist zu spüren, dass die Mitspielenden als «Stimmen» mitgedacht sind. Roy Campbell Jr. und Mark Whitecage treffen sich zum sensiblen Zwiegespräch, lassen mit Trompete und Altsaxofon filigrane Klangarchitekturen entstehen. Ihre Musik ist ein dreidimensionaler Raum, dessen Ecken Lou Grassi mit präzisen, entspannt gesetzten Akzenten auf Trommeln und Cymbals definiert.

Mit der Musik der Nu Band werden Erinnerungen an das legendäre Quartett mit Ornette Coleman, Don Cherry, Jimmy Garrison und Ed Blackwell wach. Auch mit ihren Kompositionen erzählt The Nu Band feinsinnige Geschichten, die dem Titel einer Platte von Albert Ayler nachempfunden sind: «Music Is the Healing Force of the Universe» – das galt 1969 und schon früher, gilt aber auch heute und in der Zukunft.
Fredi Bosshard

The Nu Band in: Zürich Rote Fabrik, Mi, 7. März, 20.30 Uhr. www.rotefabrik.ch

Theater

Theater acéphale

Eigentlich hatte In Situ, die Churer Kulturwerkstatt, für diesen März die Schweizer Erstaufführung des Stücks «Orgie» von Pier Paolo Pasolini geplant. Doch schon im Dezember musste das KünstlerInnenkollektiv das Projekt abblasen. Die Kulturstiftung Pro Helvetia verweigerte dem Projekt die Unterstützung: Als nationale Stiftung konzentriere man sich auf Projekte von Gruppen, «die in der Schweiz überregional präsent sind».

In Situ hat die Konsequenzen daraus gezogen und sich nach 25 Jahren Bestehen aufgelöst – und damit auch eine mit dem Namen «in situ» gemeinte Intention aufgegeben: Theater für den eigenen Ort (situ), für Chur und Graubünden zu machen.

Die andere Intention, den Ort der Kunst zu suchen, soll weiterverfolgt werden. Die Arbeiten von Regisseur Wolfram Frank und seinen KollegInnen finden jetzt unter dem Label des neu gegründeten Theater acéphale statt. Der Name (am ehesten mit «hierarchielos» zu übersetzen) bezieht sich auf die gleichnamige philosophisch-künstlerische Gruppe (1936–1938) um Georges Bataille (1897–1962) und deren Zeitschrift.

Eröffnungsprojekt ist die szenische Installation «Libera Me», die direkt an die letzte In-Situ-Produktion «Hoc est enim corpus meum» anschliesst. Der Schwerpunkt liegt diesmal nicht mehr auf Darstellung und Spiegelung der abendländischen Körpergeschichte, sondern auf neuen Denkmöglichkeiten des Körpers aus dem Geist der neueren französischen und italienischen Philosophie. Die Texte stammen wesentlich von Antonin Artaud und Pier Paolo Pasolini. In den Hauptrollen sind erneut Peter Kaghanovitch und Julia Maurer zu sehen.
Adrian Riklin

«Libera Me» in: Chur Pulvermühlenareal, Do, 1. März, 20 Uhr (Uraufführung); Sa/So, 3./4., Do–Sa, 8.–10. März, 20 Uhr (jeweils 19.30Uhr:Einführung); Mi, 7. März: Publikumsgespräch nach der Vorstellung; Basel Imprimerie Mi, 14., Fr–So, 16.–18. März, 20 Uhr. www.insitu-chur.ch

Vor/Lesung

Pierre Michon

Die Buchhandlung im Volkshaus Zürich begrüsst einen der bedeutendsten, im deutschsprachigen Raum indes kaum bekannten zeitgenössischen Schriftsteller: Pierre Michon. Der 66-Jährige, der 1984 schon für seinen ersten Roman, «Vies minuscules» («Leben der kleinen Toten»), den Prix France Culture erhielt und seither in Frankreich vielfach geehrt wurde, liest aus den ins Deutsche übersetzten Romanen «Die Grande Beune» und «Rimbaud der Sohn». In «Die Grande Beune» steht die hocherotische Beziehung zwischen einer erfahrenen Tabakverkäuferin und einem jungen Dorflehrer im Zentrum, und in «Rimbaud der Sohn» findet Michon einen sehr eigenen erzählerischen Zugang zur Figur des grossen Dichters Arthur Rimbaud.

Derweil Michon aus beiden Büchern in seiner Muttersprache liest, wird der Westschweizer Romanist und Historiker Ivan Farron in Michons Werk einführen und das Gespräch mit dem Schriftsteller moderieren und übersetzen.
Adrian Riklin

Pierre Michon in: Zürich Buchhandlung im Volkshaus, Do, 8. März, 19.30 Uhr.

Warten auf die Revolution

Die Krise ist allgegenwärtig – wirtschaftlich, politisch, sozial. Viele geraten aus dem Tritt. Weshalb nicht auch aus dem Trott?

Der Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss begibt sich in der neuen Reihe «Warten auf die Revolution» am Schauspielhaus Zürich auf die Suche nach gesellschaftlichen Gegenentwürfen. Zum Auftakt am 4. März spricht die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel über «Auswege aus dem digitalen Imperialismus», einer elektronischen Dystopie, die sie in ihrem Buch «Next» eindringlich beschrieben hat: «Zwanzig Datenpunkte sind ausreichend, um einen Menschen berechnen zu können. Wo wir leben, was wir kaufen, wohin wir reisen, mit wem wir sprechen, was wir mögen, wen wir lieben – all das ist in den Computernetzwerken längst über uns gespeichert und wird so ausgewertet, dass wir vorhersagbar werden.» Die Vorstellung, dass mathematische Algorithmen die freie Persönlichkeit ersetzen, weil die Welt mit Supercomputern viel beherrschbarer erscheint, geistert auch durch andere Wissenschaftszweige. Die in der WOZ bereits mehrfach besprochene Flagship-Initiative der Europäischen Union lässt grüssen.
Franziska Meister

«Warten auf die Revolution» in: Zürich, Pfauen, 
So, 4. März, 20 Uhr. www.schauspielhaus.ch

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