Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Ende einer Epoche?

Susan Boos zur Einstellung der «Sozialen Medizin».

«Sie ist friedlich entschlafen», könnte es im Nachruf heissen. Die Rede ist von der «Sozialen Medizin». Sie war mehr als eine Zeitschrift, sie war eine Institution. Im Dezember 2011 ist die letzte Nummer erschienen – aber das wurde nicht gross angekündigt, kein Hilferuf, keine Sammelkampagne. In der Frühlingsausgabe vor einem Jahr war zwar der Einstellungsentscheid dezent angekündigt. Wer das aber damals übersehen hatte, wurde vom Ende des Blattes böse überrascht.

Ein bisschen fühlt man sich im Stich gelassen. Die «Soziale Medizin» war hierzulande die einzige Zeitschrift, die sich mit immenser Kompetenz kritisch mit dem Gesundheits- und Sozialwesen auseinandersetzte.

Die Zeitschrift war 1974 entstanden. Eine siebenköpfige Redaktionsgruppe hatte sie all die Jahre gemeinsam betreut. Es waren ÄrztInnen, Psychologinnen und Juristen dabei. Mit drei bescheiden bezahlten Teilzeitstellen produzierten sie pro Jahr vier Hefte und organisierten hochkarätige Tagungen. Gemeinsam ist die Redaktionsgruppe nun älter geworden. Viele sind im Rentenalter oder stehen kurz davor. Das Team hat es nicht geschafft, junge Leute nachzuziehen. Und so hat sich die Redaktionsgruppe nach eigenen Worten «einmütig und in bestem Einvernehmen entschieden, aufzuhören».

Finanziell wäre es möglich gewesen, einige Jahre weiterzuarbeiten. Doch hätte man ein neues Geschäftsmodell entwickeln müssen, um neue Einnahmequellen zu erschliessen, da die Abos sukzessive zurückgingen.

Man kann ein bisschen sauer sein, dass sie einfach aufgegeben haben und nicht versuchten, die funktionierende Struktur zu vererben. Aber vielleicht hat die Redaktionsgruppe auch recht, und es ist eine Epoche zu Ende gegangen. Oder wie es der Basler Mediziner Alex Schwank, der Mitglied der Redaktionsgruppe war, ausdrückte: «Die ‹Soziale Medizin› ist im Guten wie im Schlechten ein Produkt der 68er-Bewegung geblieben, und darum ist ihre Zeit jetzt abgelaufen.»

Die Redaktionsgruppe hatte sich im Herbst letzten Jahres nochmals zusammengesetzt, um ihr Projekt zu resümieren. Das Gespräch ist in der letzten Nummer abgedruckt und ein lesenswerter Gang durch linke Schweizer Geschichte.

Am Anfang stand die Schweizerische Gesellschaft für ein Soziales Gesundheitswesen (SGSG), man hatte das Ziel,  eine politisch einflussreiche Organisation aufzubauen, die sich in die Gesundheitspolitik einmischt – analog der «Erklärung von Bern» im entwicklungspolitischen Bereich. Das Projekt scheiterte Ende der achtziger Jahre, doch agierte die SGSG fortan als Herausgeberin der «Sozialen Medizin». Die Zeitschrift schrieb gegen die repressive Drogenpolitik oder kämpfte gegen den Abbau bei der Invalidenversicherung.

Die Zeitschrift hat im Hintergrund viel bewirkt. Oder wie es Ruedi Spöndlin, der das Heft während all der Jahre als Redaktor massgeblich geprägt hat, im Redaktionsgruppengespräch treffend zusammenfasste: «Aus distanzierter Warte könnte man über Leute unserer Generation sagen: Sie sind mit grossen gesellschaftlichen Visionen angetreten, die sich dann als Illusion erwiesen. Im Alltag haben sie aber ganz beachtliche Reformen bewirkt.»

Die «Soziale Medizin» lebt unter der Adresse www.sozialemedizin.ch ein bisschen weiter. Vielleicht klinken sich Junge ein und verleihen ihr neues Leben.

Susan Boos ist Redaktionsleiterin der WOZ.

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