Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

«Der Körper sammelt es»

Elmira ist eine der ProtagonistInnen des Dokumentarfilms «Messies, ein schönes Chaos» von Ulrich Grossenbacher. Im Gespräch mit der WOZ erklärt sie, was ein Messie ist, warum sie im Film mitmacht – und wie sie dank des iPad keine Kassetten mehr kaufen muss.

Von Silvia Süess (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Ich will, dass man mich als Mensch sieht – das Messietum ist nur ein Teil von mir»: Elmira vor Max Oertlis Gauklerbrunnen beim Kunstmuseum St. Gallen.

Wenn Elmira spricht, kann sie laut werden und energisch. Dann wirft sie die Hände in die Luft, schüttelt den Kopf, lacht und ruft mit heller Stimme: «Wenn ein Regisseur die Oper gegen die Musik inszeniert, werde ich hässig.» Oder: «Ich habe schampar gern Rädli unter dem Hintern, der Zug ist wie mein Wohnzimmer.» Oder: «Jeder hat Leute, die blöd über ihn reden, da soll man sich nicht irritieren lassen.»

Elmira weiss, wovon sie spricht. Sie ist ein Messie. Jemand, der «zu viele Interessen hat und diese nicht unter einen Hut bringen kann», wie sie selbst es beschreibt. «Mit all dem, was sich dabei ansammelt, können wir letztlich nichts mehr anfangen, weil es zu viel ist. Und eigentlich wissen wir das, doch das nützt nichts.»

Sie nennt das für sich den «Röschtigraben» – den Graben, der Kopf und Körper voneinander trennt: «Im Kopf weisst du, dass du gar nie alles brauchen kannst, das du sammelst, doch der Körper wehrt sich und sammelt es trotzdem.» Ihre Liebe zu Opern, Museen, Gedichten und Dramen macht vor keiner Sendung und keinem Zeitungsartikel halt. Seit Jahren legt die 68-Jährige Zeitungen, Zeitschriften, Hefte und Bücher auf die Seite und nimmt Fernseh- und Radiosendungen auf Kassetten auf. Diese stapeln sich mittlerweile kniehoch in einem ihrer Zimmer. Zu sehen ist das in Ulrich Grossenbachers Dokumentarfilm (vgl. «Messies, ein schönes Chaos» weiter unten).

Lesen, singen, sammeln

Als Grossenbacher Elmira für den Film anfragte, war sie zunächst unsicher. Seit dreissig Jahren hat sie niemanden in ihre Wohnung gelassen, und plötzlich wollte ein Mann mit einer Kamera dort filmen. «Ausserdem wusste ich gar nicht, ob er mit der Kamera in die Wohnung rein kann – sie ist ja so voll!», lacht sie.

Grossenbacher kam rein. Und filmte. Zu Beginn sei es ihr etwas unangenehm gewesen, sagt Elmira. Doch nun sei sie froh, dass sie Teil des Films sei, der ihr sehr gefällt, da er die Messies nicht blossstelle, sondern sie als Menschen mit einer speziellen Leidenschaft zeige. Genau das ist ihr wichtig: «Ich will, dass man mich als Mensch sieht – das Messietum ist nur ein Teil von mir.»

Schon als Kind las Elmira leidenschaftlich Gedichte und Dramen, sang gerne und sammelte Dinge. «Das Erste, was ich in meinem Leben gesammelt habe, waren die farbigen Titelbilder vom ‹Gelben Heft›, einem Wochenblatt von Ringier.» Sie wuchs in St. Gallen auf als zweites von drei Kindern in einem religiösen und strengen Elternhaus. Ihre Mutter war sehr ordentlich und warf immer wieder, ohne zu fragen, Dinge weg, die ihrer Tochter gehörten. «Ich sass jeweils heulend vor dem Ochsnerkübel und wühlte nach etwas, das sie mir fortgeworfen hatte – gleichzeitig hatte ich Angst, dass mich meine Mutter erwischt.» Dies sei ihr Albtraum, der sie immer wieder einholte, bis sie vierzig war.

«Es gibt noch andere wie ich»

Nach der Matura wollte Elmira Sängerin werden, nahm Gesangsstunden, musste jedoch aus gesundheitlichen Gründen ihren Traum aufgeben. Für ein Studium der Archäologie und Urgeschichte zog sie nach Basel, und bald schon füllte sich ihre kleine Zweizimmerwohnung: Bücher, Schallplatten, Zeitungen stapelten sich auf Tischen, in Gängen und auf den Gestellen: «Ich merkte damals schon, dass die Menge der Dinge zunahm, aber ich konnte nichts dagegen machen. Dann, als ich alleinerziehende Mutter und immer am Limit war, wurde immer sichtbarer, dass mit meinem Haushalt etwas nicht stimmte.»

Sie suchte Hilfe bei PsychologInnen. Wenn sie von ihrem Haushalt erzählte, sagten diese: «Jede Schweizer Hausfrau meint, sie habe ein Puff zu Hause.» Bis eines Tages ein Psychologe sich dazu überreden liess, sie zu Hause zu besuchen. Er hatte einen Schock und sagte: «Entweder räumen Sie Ihr Puff auf, oder Sie kommen nie mehr zu mir.» Elmira schüttelt den Kopf, noch heute ärgert sie sich über das Unverständnis des Psychologen. «Wenn ich einfach so hätte aufräumen können, hätte ich ihn ja gar nicht gebraucht!»

Erst viele schwierige Jahre später, in denen sie mit viel Selbstzweifel und Intoleranz zu kämpfen hatte, kam der erlösende Moment: Im Jahr 2000 schaute sie die Fernsehsendung «Quer» mit Röbi Koller, das Thema waren Messies. Zum ersten Mal in ihrem Leben merkte sie, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine war: «Zu sehen, dass es das Phänomen Messie gibt, war eine riesige Befreiung für mich! Ich war seit dreissig Jahren ein Messie, ohne zu wissen, dass es das gibt.» Sofort meldete sie sich bei der Selbsthilfegruppe an, die in der Sendung vorgestellt wurde, und noch heute geht sie alle zwei Wochen in eine Sitzung: «Hier hat man einen lockeren Umgang miteinander, du musst dich nicht erklären und nicht schämen, da die anderen dieselben Probleme haben. Und wir lachen viel, das tut gut!»

«Ein enormer Zeitgewinn»

Hat sie sich früher für ihr «Messie-Dasein» geschämt, geht sie heute offen und unverkrampft damit um. Verständnis fordert sie von ihrem Umfeld nicht, aber Akzeptanz: «Ich begreife ja selbst nicht, warum ich das habe, wie sollt ihr das denn verstehen?» Zurzeit versucht sie, ihre Küche aufzuräumen: «Dort will ich mal ein Spaghettiessen machen. Tische und Stühle hätte ich genügend, sie müssten nur am richtigen Ort stehen – und der Platz rundherum ist das Problem: Der Tisch ist noch im Gang, deswegen kann ich dort kaum durchgehen, und darauf liegt meterhoch Zeugs.» Sie lacht.

Gegen Ende des Gesprächs steht Elmira auf, geht zu ihrer Coop-Papiertasche, die sich im Laufe eines Tages meistens langsam füllt, und nimmt ein neues iPad heraus, das ihr Sohn ihr eingerichtet hat. Sie ist begeistert von ihrem neuen ständigen Begleiter – früher trug sie immer ein Radio und Kassetten mit sich. «Ich wunderte mich selbst, wie schnell ich es schaffte, umzusteigen. Das Handhaben ist so praktisch mit dem iPad: Vorher musste ich jede einzelne Kassette aufnehmen, sie mit Streifen anschreiben, nachher fand ich die Sendungen nicht mehr. Jetzt kann ich hier alles aufnehmen, die ganze Auslegeordnung mit den Listen ist so praktisch, es schreibt sogar alles automatisch an, sodass ich alles sofort wieder finde – dies ist ein enormer Zeitgewinn. Für einen Messie wie mich ist das iPad ein Weltwunder.»

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