Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

«Sie müssen uns schon mit Gewalt vertreiben!»

Bis ins Jahr 2030 verdoppelt sich der Pendlerverkehr zwischen Genf und Lausanne. Daher wollen die SBB die Bahnhöfe der beiden Städte ausbauen. Doch in den betroffenen Quartieren regt sich Widerstand.

Von Helen Brügger

Die Genfer Ethnomusikologin Astrid Stierlin wäre gleich doppelt betroffen. Sie wohnt und arbeitet im Genfer Quartier Les Grottes, dort, wo in einigen Jahren ein Bahnsteig und zwei neue Geleise gebaut würden – zumindest wenn es nach den Vorprojekten der SBB geht. «Wir wehren uns mit allen Mitteln, und wenn sie kommen, müssen sie uns schon mit Gewalt aus unseren Häusern vertreiben!», kündigt Stierlin an. Denn in den Grottes ist nicht nur Wohnraum bedroht, das Quartier ist eine Hochburg alternativen und selbstverwalteten Lebens. Seit es in den siebziger Jahren vor dem Abriss und einem Schicksal als Satellitenstadt gerettet wurde, haben sich hier zahlreiche selbstverwaltete Inseln der Zukunft entwickelt. Der Kampf um die Grottes – inklusive Besetzungen, Räumungen und Wiederbesetzungen – dauerte über drei Jahre und prägte eine ganze Generation von Linken.

Unterirdischer Ausbau gefordert

Nun übernimmt eine neue Generation. Das vor kurzem gegründete Collectif 500 verlangt den Verzicht auf die Ausbaupläne der SBB, sofern sie Wohnraum zerstören. «Weshalb sehen die SBB nicht einen unterirdischen Ausbau vor wie in Zürich?», fragt Stierlin. «Für einen nächsten und übernächsten Ausbauschritt, nach 2030, gibt es sowieso nur die unterirdische Lösung. Weshalb nicht schon heute damit beginnen und Wohnraum verschonen?» Genau diese Frage stellen unterdessen auch mehrere Abgeordnete im Kantonsparlament. Eine überparteiliche Motion verlangt von den Bundesbahnen, sie müssten die Variante eines unterirdischen Ausbaus ernsthaft prüfen.

In Lausanne sind die Pläne bereits konkreter: Die Bevölkerung wurde offiziell darüber informiert, dass ein Ausbau des Bahnhofs mittels einer Verlängerung der Bahnsteige geplant sei. Sechs Wohnblöcke müssten dem Ausbau weichen. «Am 31. Dezember 2015 müssen wir ausgezogen sein», sagt Yannis Papadaniel, der einem Verein von AnwohnerInnen angehört. Den Lehrer beunruhigt vor allem, wie die Betroffenen angesichts der notorischen Wohnungsnot in Genf eine andere Unterkunft finden sollen. Ausserdem werde ein durch familiäre und multikulturelle Ambiance geprägtes Quartier mit vielen günstigen Altwohnungen beeinträchtigt. «Wir stehen mit den Behörden und den SBB in Verhandlungen, vielleicht gibt es noch Möglichkeiten, einen Teil der Häuser zu retten», sagt Papadaniel.

Radikaler tritt das Collectif Gare auf, das nicht nur gegen den Lausanner Bahnhofsausbau kämpft, sondern auch gegen das damit verbundene Projekt eines Museumspols. Ein «pharaonisches Projekt, das das Zentrum der Stadt während zehn Jahren in eine Baustelle verwandeln würde», sagt Anwohnerin Barbara Fournier vom Collectif Gare. Die Gruppe hat bereits über 300 Mitglieder und sammelt Unterschriften für ein Moratorium und eine städteplanerische Grundsatzdebatte. Es sei absurd, Menschen aus günstigen Wohnungen im Zentrum in die Vorstädte zu verdrängen, um die Kapazitäten des öffentlichen Verkehrs zu erhöhen, nur damit sie dann wieder mit dem öffentlichen Verkehr ins Zentrum fahren müssten, sagt Fournier. Auch in Lausanne, so das Collectif Gare, müssten die SBB die Option eines unterirdischen Ausbaus prüfen. Die Gruppe fühlt sich von den links-grünen Mehrheiten in der städtischen und kantonalen Exekutive im Stich gelassen: «Wir haben den Eindruck, es werde einfach die nächstbeste Lösung vorangetrieben, ohne grundsätzliche planerische, politische oder demokratische Erwägungen», sagt Fournier: «Es wird einfach abgebrochen, fertig!»

Kritik an den SBB-Plänen kommt auch von Eisenbahner Jean-Claude Cochard, der einen Offenen Brief an die Waadtländer Linke richtet. Seine Kritik richtet sich gegen einen im Rahmen des Projekts beschlossenen Landabtausch zwischen SBB und Lausanne und gegen die damit verbundene Schliessung des Lokomotivdepots. Sie sei, wie damals im Jahr 2008 die Schliessung der «officine» in Bellinzona, ein Skandal. «Wir haben es mit einer neoliberalen Logik zu tun, die einen spekulativen Immobiliengewinn auf Kosten der Weiterführung der industriellen Aktivitäten realisieren will!», schreibt Cochard.

Baubeginn 2016

«Die Verdoppelung des Pendlerverkehrs zwischen Lausanne und Genf bis 2030 stellt die SBB vor grosse Herausforderungen», sagt SBB-Sprecher Jean-Philippe Schmidt. Damit seien auch Fragen der Mobilität im nationalen und internationalen Rahmen verbunden. «Wir sind verpflichtet, uns darauf vorzubereiten.» Baubeginn in Lausanne sei frühestens 2016, während man in Genf erst Vorstudien ausarbeite, hier könne man frühestens 2020 mit dem Beginn der Arbeiten rechnen. Schmidt verspricht, die SBB würden sich bemühen, neuen Wohnraum für die Betroffenen zu finden. Doch was sagt er zum Vorwurf, die Variante eines unterirdischen Ausbaus werde nicht ernsthaft geprüft? «Ein Vergleich mit dem unterirdischen Bahnhof in Zürich ist nicht möglich, denn Zürich ist ein Kopfbahnhof.» Bei Durchgangsbahnhöfen wie Lausanne und Genf wäre die Variante eines unterirdischen Ausbaus nicht nur erheblich teurer, sondern mit noch grösseren Auswirkungen auf Wohnraum und Umgebung verbunden.

Für politischen Zündstoff ist jedenfalls gesorgt. In Lausanne sammelt das Collectif Gare in den nächsten drei Monaten Unterschriften für ein Moratorium. In Genf will sich das Collectif 500 mit andern Quartier- und Basisorganisationen vernetzen, bis die SBB im Juni mit den ersten Studienresultaten an die Öffentlichkeit treten. SBB und politische Gremien tun jedenfalls gut daran, die Sorgen der Betroffenen ernst zu nehmen, damit es nicht zu einem Bruch zwischen Bevölkerung und Politik kommt. Astrid Stierlin sagt: «Hier werden die Weichen für die Zukunft von sehr vielen Menschen sehr weit weg von ihnen gestellt.»

Nachtrag vom 11. Juli 2013: Genfer Sieg über die SBB

Eine unabhängige ExpertInnenkommission kommt zum Schluss, dass der Ausbau des Genfer Bahnhofs unterirdisch geschehen sollte. Für die Quartiergruppe Collectif 500 ist das ein Sieg auf ganzer Linie. Sie hat sich seit über einem Jahr gegen die SBB-Ausbaupläne gewehrt.

Letztes Jahr legten die SBB ihr Projekt «Léman 2030» für eine überirdische Verbreiterung des Genfer Bahnhofs um zwei Gleise vor. Sofort regte sich im betroffenen Quartier Les Grottes Widerstand. Denn die Pläne der SBB würden bedeuten, dass hinter dem Bahnhof Cornavin eine ganze Häuserzeile abgerissen würde. Doch in Les Grottes ist nicht nur Wohnraum bedroht, das Quartier ist eine Hochburg alternativen und selbstverwalteten Lebens. Seit es in den siebziger Jahren vor dem Abriss und einem Schicksal als Satellitenstadt bewahrt wurde, haben sich hier zahlreiche selbstverwaltete Inseln der Zukunft entwickelt. Der damalige Kampf um das Quartier – inklusive Besetzungen, Räumungen und Wiederbesetzungen – prägte eine ganze Generation von Linken.

Mit dem Collectif 500 übernahm eine neue Generation den Widerstand. Die Gruppe lancierte eine Initiative für den unterirdischen Ausbau und verlangte eine Expertise für diese Variante. Tatsächlich: Was die BefürworterInnen der SBB-Pläne als Fantastereien bezeichneten, erweist sich nun als die planerisch beste Option. Denn nur ein unterirdischer Ausbau ermöglicht eine nachhaltige Entwicklung des Genfer Bahnhofs auch über 2030 hinaus. Die Variante kommt zwar rund 400 Millionen Franken teurer zu stehen, aber diese Summe hätte bei einem oberirdischen Ausbau in die Neugestaltung der öffentlichen Verkehrsströme rund um den Bahnhof investiert werden müssen.

Die Expertise wurde von links bis rechts, von Behörden wie Bevölkerung mit grosser Befriedigung zur Kenntnis genommen. Dabei geht beinahe vergessen, dass die unterirdische Variante ohne die Mobilisierung aus dem Quartier wahrscheinlich nie geprüft worden wäre. Trotz des Sieges bleibt in Genf ein schales Gefühl zurück: dass nämlich die SBB mit ihrer inakzeptablen Variante nur gepokert haben könnten, um Stadt und Kanton Genf zu zwingen, sich finanziell für die bessere, also die unterirdische Variante zu engagieren.

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