Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Der Beschwerdechor singt wieder

Schlagworte wie «Teilhabe», «Gemeinschaft», «Partizipation» haben Konjunktur. Beim finnischen Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen steckt allerdings kein Zwang dahinter.

Von Edith Krebs

Kräuseln sich bei Ihnen auch die Nackenhaare, wenn im Zusammenhang mit Kunst das Wort «Partizipation» auftaucht? Irgendwie erinnert es an therapeutische Versuche und angestrengte Pädagogik. Und wie oft müssen wir erleben, dass uns in einem vorgegebenen Setting eine bestimmte Rolle zugewiesen wird: Nötigung statt aktive Teilnahme heisst häufig das Angebot. Man darf also gespannt sein, was die Zürcher Shedhalle mit «Formen der Beteiligung» anstellt, wie der Titel der aktuellen Ausstellung lautet.

Ärger am Arbeitsplatz

Für ihr Projekt «I Love my Job» (2008–2010), das mit acht frei hängenden Screens das Zentrum der Ausstellung bildet, hat das finnische Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen über eine öffentliche Ausschreibung ArbeiterInnen und Angestellte in den Städten Helsinki und Göteborg zur Kooperation eingeladen: Sie sollten die ärgerlichste Situation, die sie an ihrem Arbeitsplatz erlebt haben, in ein fiktionales Szenario verwandeln und sich aktiv – sei es als Regisseur und/oder Darstellerin – in die Realisierung einbringen.

Und so werden wir Zeuge, wie sich zwei Männer in einer Lagerhalle das Leben schwer machen. Da reklamiert der grobschlächtige Magaziner für sich, im Gegensatz zum Reinigungsmitarbeiter eine «richtige Arbeit» zu machen. Provokativ pinkelt er in Anwesenheit des anderen über das Pissoir hinaus an die Wand, kurz darauf droht er, seinen Gegenspieler mit dem Gabelstapler zu überfahren. Schliesslich mündet der Streit der beiden in ein Handgemenge, wobei der schmächtigere Putzmann sich als weit agiler erweist und den Magaziner schliesslich k. o. schlägt.

Mit «Formen der Beteiligung» greift Yvonne Volkart, Kuratorin der Shedhalle, auf die erste, gemeinsam mit ihrer Kokuratorin Anke Hoffmann realisierte Ausstellung «Un/Mögliche Gemeinschaft» aus dem Jahr 2009 zurück. Bereits damals waren die Kalleinens mit von der Partie und sorgten mit ihrem eigens für Zürich produzierten Beschwerdechor für Furore: Eine Gruppe von Zürcherinnen und Zürchern lamentierte singend an verschiedenen öffentlichen Orten über kleinere und grössere Missstände in ihrer Stadt.

Gemeinsam aktiv werden

Der partizipative Ansatz, das macht dieser Rückgriff klar, ist der Kuratorin ein Anliegen, doch legt sie das Augenmerk auf den Produktionsprozess und die Reflexion dieser Konzepte, nicht auf die aktive Teilnahme des Publikums. Wie Volkart betont, sind die Filme des Künstlerpaars «Ergebnis eines kollektiven, vielstimmigen Prozesses», der sich einer «vereinnahmenden Wir-Identität und simplen Repräsentation» widersetze.

Tatsächlich sind «Partizipation» und «Gemeinschaft» Themen, die in den letzten Jahren nicht nur in der Kunst vermehrt verhandelt werden, sondern auch in der Philosophie: im Begriff «Multitude», den Michael Hardt und Antonio Negri geprägt haben, in Jean-Luc Nancys Vorstellung einer «kommenden Gemeinschaft» oder in Gilles Deuleuzes Überlegungen über die Gruppe. Auch die soziologischen Modelle des Kommunitarismus haben Konjunktur.

Das Beispiel des Beschwerdechors zeigt, dass der Graben zwischen Reflexion und Aktivismus keineswegs unüberbrückbar ist, sondern dass es durchaus gelingen kann, eine lustvolle Form des Widerstands zu entwickeln. Weltweit sind bisher über achtzig Beschwerdechöre aufgeführt worden, wobei sich diese inzwischen ohne Unterstützung von Kalleinen/Kochta-Kalleinen entwickeln und zum Teil auch fortbestehen.

Fiktiver Archipel

In utopische Gefilde entführt das Publikum die neuste Videoinstallation «Archipelago Science Fiction» (2012) des Künstlerduos. Dennoch sind die darin thematisierten Fragen eng mit unserer Gegenwart verbunden. Für das Projekt haben die beiden zusammen mit den BewohnerInnen von drei finnischen Inseln verschiedene Szenarien entwickelt, wie ihre Inselwelt in hundert Jahren aussehen könnte. «Life-Style-Immigration» wäre eine Möglichkeit – ein Archipel, in dem unterschiedliche Lebensstile, beispielsweise Ökoanarchismus oder Patriotismus, kultiviert würden. In einer Art Empfangszentrum werden die Einwanderungswilligen genau geprüft und – nicht immer wunschgemäss – platziert.

Eine weitere Vorstellung ist die Verwandlung der Inseln in ein «Outdoor-Museum» für chinesische TouristInnen. In historischen Kostümen spielen die InselbewohnerInnen das Leben nach, das ihre Vorfahren geführt hatten.

Wer sich nach dem Ausstellungsbesuch, der neben Reflexionsarbeit auch viel Witz und Heiterkeit bietet, animiert fühlt, hat am 15. April die Möglichkeit, den Praxistest anzutreten: Dann nämlich lädt die siebenköpfige Gruppe Ykon, zu der auch die Kalleinens gehören, zur Teilnahme am «Ykon Game», einem partizipativen Spiel. Anmeldungen nimmt volkart@shedhalle.ch oder die Aufsicht entgegen.

«Formen der Beteiligung». Shedhalle Zürich. Bis 15. April 2012. www.shedhalle.ch

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