Nr. 09/2012 vom 01.03.2012

Die Goldmine in den Bergen schliessen

Der Fremdenverkehr in den Bergen ist eine Erfindung der Fremden. So mag auch die Rettung vor der Zweitwohnung aus dem Unterland kommen.

Von Köbi Gantenbein

Kalte Betten: Appartementsüberbauung im Nobelkurort St. Moritz. Foto: Ursula Häne

«Die ersten Tage des Jahres 2012 zeigen wiederum positive Entwicklungen. Vor allem in den traditionellen Zweitwohnsitzgebieten wie dem Berner Oberland oder dem Engadin. Käufer aus dem EU-Raum haben grosses Interesse für den Schweizer Ferienimmobilienmarkt. Obendrein nutzen viele Schweizer die tiefen Zinsen, um sich einen Zweitwohnsitz als Kapitalanlage zuzulegen. Erneut sind Luxuswohnungen und Villen sehr gefragt.» Diese Mitteilung haben mir neulich die Immobilienhändler von Engel & Völkers geschickt. Sie steht eigenartig in der Landschaft, denn wo die Bevölkerung die Zweitwohnung verstopfen kann, tut sie es. Es werden Bremsen in Bauordnungen eingebaut, schärfere Richtpläne gefordert und Herolde der Zweitwohnungsbauerei abgewählt. Doch all das braucht Zeit, die Goldgräbertruppe aus Bodenbesitzerinnen, Advokaten, Architektinnen, Baumeistern und Konsorten sorgt dafür, dass die Bremsen nicht zu stark greifen. Welch gute Gelegenheit also, diesen Bemühungen mit der Initiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen!» Beine zu machen.

Beschädigte Gemeindeautonomie?

Franz Webers Initiative verlangt, dass künftig neue Zweitwohnungen nur dort gebaut werden, wo sie nicht mehr als zwanzig Prozent der Wohnfläche ausmachen. Die Kampagne der Gegner der Initiative seufzt, dass einmal mehr den Berglern gesagt werde, was sie zu tun hätten. Die Gemeindeautonomie werde beschädigt und so weiter.

Nun ist der Fremdenverkehr keine Erfindung der Bergler. Die Unterländer und andere haben ihre Paradiese auf Zeit eingerichtet und ausgebaut, die nötigen Kapitalien gebracht und die Profite mitgenommen. Die Fremdbestimmung kam aber den BergbewohnerInnen immer auch zugut – in den meisten Kurorten gab es Hunger, Kröpfe und Trostlosigkeit, bevor sie zu Reunionsplätzen der Reichen ausgebaut wurden. Der Söldnerdienst in der fremden Armee wurde gewiss angenehmer, als die Fremde selbst in die Berge kam und die BerglerInnen als Köche, Kellner, Zimmermädchen oder Kutscher in Dienst nahm. Doch je erfolgreicher der Fremdenverkehr wurde, desto mehr verschwand die Lust; Zwang, Magd und Knecht blieben. Diese kommen seit vielen Jahren aus dem Kosovo, aus Portugal, Deutschland und Polen. Meinesgleichen wurde Advokat, Immobilienentwickler oder Architektin. Unsere Väter sorgten auch dafür, dass sich die Tourismuswirtschaft günstig für das Bauen und Hausverkaufen entwickelte. Sie verstanden Tourismuspolitik im Unterschied zum Südtirol oder zu Vorarlberg als Immobilien- und Baupolitik.

Selberkochen und Geld waschen

Wendezeit war Anfang der sechziger Jahre, als das Gesetz für das Stockwerkeigentum zum Beispiel im Kanton Graubünden die Grundlagen für den Zweitwohnungsboom legte. Gewiss, die Wohnform war von der städtischen kleinbürgerlichen Idee von Ferien im eigenen Heim in den Bergen getragen, vom Selberkochen anstatt im Hotel an den Tisch zu sitzen. Sie war aber von Anfang an auch als das gedacht, wovon Engel & Völkers sprechen – als Kapitalparkplatz und Geldwaschanlage. Gefördert wurde diese seinerzeit sogar als tollkühnes Abschreibungsgeschäft zum Beispiel für deutsche Zahnärzte und Advokatinnen. Schritt um Schritt war rings um das Gesetz fürs Stockwerkeigentum die muntere Goldgräbertruppe aus Politikerinnen, Bauern, Bodenhändlerinnen, Treuhändern, Architektinnen und Bauleuten unterwegs. Eine sagenhaft erfolgreiche Tour bis heute – für die, die in der Truppe einen Platz haben: In St. Moritz kostet ein Quadratmeter Boden bis zu 50 000 Franken; gibt es irgendwo ein Stück Land oder eine Baulücke, so wird sie in eine Goldmine verwandelt. Der Ferienwille, die Paradiesvorstellung, die Architektur des Hotels und die Mechanik der Zweitwohnung – all das kam aus der Fremde in die Berge. So ist es ja nichts als folgerichtig, dass nun die Rettung der Berge und der Schutz der BerglerInnen vor sich selbst ebenfalls aus der Fremde kommen.

Köbi Gantenbein ist Chefredaktor von «Hochparterre, die Zeitschrift für Architektur 
und Design». Er ist im Kanton Graubünden aufgewachsen, lebt in den Bergen und hat eine Zweitwohnung – in der Stadt.

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