Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Emanzipieren sich Frauen auf Kosten von Frauen?

Mehr Arbeitsstellen für Frauen im Care-Bereich, aber zu tiefen Löhnen: Das ist kein Resultat der Gleichstellung, findet Dore Heim, sondern des Spardrucks. Schon die Frühsozialistin Anny Klawa hat sich dagegen wehren müssen.

Von Lotta Suter (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Dore Heim: «Dass die Gleichstellung die Arbeitsmärkte dereguliert, ist eine total apolitische Sichtweise, ein fataler Kurzschluss.»

WOZ: Frau Heim, freuen Sie sich auf den 8. März?
Dore Heim: Ich tendiere dazu, Gedenkanlässe wie den Internationalen Frauentag oder den 1. Mai eher zu ignorieren. Doch dieses Jahr machen wir wirklich etwas Originelles, und deshalb freue ich mich auf den 8. März. Die Stadt Zürich pflanzt auf Initiative von VPOD-Frauen einen Gleichstellungsbaum. Und wir haben einen guten Platz dafür gefunden, den Anny-Klawa-Platz an der Sihlfeldstrasse.

Wer war Anny Klawa?
Anny Klawa kam Ende des 19. Jahrhunderts in armen Verhältnissen in Zürich zur Welt. Ihre Mutter hat als Wäscherin gearbeitet, und Anny Klawa musste als Kind diese Wäsche dann zu Fuss bis nach Höngg und weiter austragen. Sehr früh hat sie sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen, in Zürich hat sie 1911 die erste sozialistische Mädchengruppe und später in Bern die Roten Falken gegründet. Sie war politisch sehr aktiv und beteiligte sich 1919 an der Münchner Räterepublik. Die Historikerin Annette Frei hat Anny Klawa wiederentdeckt. Ihre wunderschöne Biografie heisst «Die Welt ist mein Haus». Das soll Anny Klawa stets gesagt haben, wenn man ihr bedeutete, eine Frau gehöre an den Herd. Es passt gut, dass der Gleichstellungsbaum auf dem Anny-Klawa-Platz stehen wird. Sie sehen, ich bin nicht a priori gegen Gedenktage. Sie sind auch eine Möglichkeit, wichtige Themen in die Medien zu bringen.

Und was soll der neu gepflanzte Gleichstellungsbaum vermitteln?
Rechtlich ist die Gleichstellung der Frauen in der Schweiz zwar weitgehend umgesetzt. Aber gleichzeitig beobachten wir, dass sich der Arbeitsmarkt in der Schweiz extrem auseinanderbewegt. Der Arbeitsmarkt, der neu ganz unten entsteht, besteht hauptsächlich aus Stellen für Frauen. Es ist harte, schwierige Arbeit, die wirklich schlecht entlöhnt wird. Der Gleichstellungsbaum steht genau am richtigen Ort, denn Anny Klawa hat immer die Situation der Frauen in prekären Verhältnissen im Blick gehabt.

Wenn die höhere Erwerbsquote der Frauen bewirkt, dass ein Teil der Kinderbetreuung und Putzarbeit auf sehr tiefem Niveau entlöhnt wird, gibt es statt der Gleichstellung sozusagen eine Umverteilung nach unten. Die «Hausfrauenarbeit» wird nicht mehr gratis gemacht – aber fast gratis.
Ja, ich weiss, dass gern behauptet wird, die Deregulierung und Prekarisierung der Arbeitsmärkte werde durch die Gleichstellung vorangetrieben, indem gut bezahlte Berufsfrauen ihre Hausarbeit an schlecht bezahlte Migrantinnen delegieren würden. Dass Frauen sich also auf Kosten von Frauen emanzipieren. Das ist aber eine total apolitische Sichtweise, ein fataler Kurzschluss. Nehmen wir zum Beispiel die Infrastruktur der Kinderbetreuung. Die Frauen, die erwerbstätig sind und ihre Kinder in die Krippe geben, sind an ihrer Arbeitsstelle mit Arbeitszeiten und Anforderungen konfrontiert, die mit den Krippenzeiten nicht vereinbar sind. Also geraten sie mit ihrer Alltagsorganisation in einen Clinch. Auf der andern Seite sind die überarbeiteten Krippenangestellten natürlich wütend, wenn Mütter ihre Kinder zu spät abholen. Doch das ist ein strukturelles Problem, keine Frage der individuellen Moral.

Sicher. Dennoch wächst der bezahlte Care-Sektor, wenn die Frauen vermehrt erwerbstätig sind. Nur wächst er vorwiegend als Tieflohnsektor.
Für den Staat ist es natürlich vorteilhaft, wenn sich die Leute auf «billige Art» privat organisieren. Deshalb bremsen konservative Kreise die staatliche Unterstützung von sozialen Aufgaben wie der Altenpflege. Die Care-Arbeit kommt aus diesem Teufelskreis nicht heraus. Mit der vermehrten Erwerbstätigkeit der Frauen hat das, wenn überhaupt, nur am Rande zu tun.

Zurück zu Anny Klawa: Wo würde sie heute wohl arbeiten? Auch im Care-Sektor?
Anny Klawa würde heute vielleicht zu den Erwerbslosen gehören, zum wachsenden Teil der Bevölkerung, der aus allen sozialen Sicherungen und Netzen herausfällt. Zu denen, die total verfügbar sein müssen, nur um irgendwelche miserabel bezahlte stundenweise Einsätze leisten zu dürfen.

Wie würde sie sich da politisch organisieren?
Sie würde vermutlich eine eigene Organisation gründen müssen. Die klassische Aufgabe der Gewerkschaften ist es, die Interessen ihrer eigenen Mitglieder zu vertreten – und das heisst auch Besitzstandswahrung. Man muss verhindern, dass sich die Arbeitsbedingungen der Lohnabhängigen verschlechtern. Doch es gibt so viele Menschen, die bereits aus allen Strukturen herausgefallen sind. Ich weiss nicht, ob die Gewerkschaften in der Lage sein werden, auch diese Menschen zu mobilisieren.

Wird Sie dieses Thema auch in Ihrem neuen Job als SGB-Zentralsekretärin beschäftigen?
Ja, aber eher indirekt, weil ich mich vor allem mit der öffentlichen Infrastruktur beschäftigen werde. Allerdings wird es auch da massive Umverteilungskämpfe geben. Bleibt die Versorgung der Bevölkerung eine Aufgabe der öffentlichen Hand? Bleibt sie erschwinglich? Und zwar für alle Menschen?

Dore Heim (53) organisiert am 8. März 2012 die Pflanzung eines Gleichstellungsbaums zu Ehren von Anny Klawa, die vor hundert Jahren im Niedriglohnsektor arbeitete, in dem auch heute noch vorwiegend Frauen arbeiten.

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