Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal hat die literarischen, politischen und juristischen Dokumente untersucht, in denen die Romvölker in den letzten 600 Jahren Spuren hinterlassen haben.

Von Eva Pfister

Vorverurteilt, verfolgt und ausgegrenzt: Romasiedlung am Stadtrand von Litvinov, Nordböhmen, Tschechien. Foto: Ursula Häne

«Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört», sagte eine Sechzehnjährige achselzuckend nach dem Anschlag auf ein AsylbewerberInnenheim in Rostock-Lichtenhagen, an dem sie beteiligt war. «Vietnamesen schon, aber Sinti und Roma – egal.» Das war im August 1992, und dieser gleichgültig vorgebrachte Ausspruch, mit dem eine junge Deutsche den «Zigeunern» das Recht auf Leben abspricht, brachte den Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal dazu, die nächsten zwanzig Jahre seines Forscherlebens den Spuren nachzugehen, die die Romvölker in Europa während 600 Jahren in literarischen, politischen und juristischen Dokumenten hinterlassen haben.

In Chroniken aus dem 15. Jahrhundert tauchen die Fremden zum ersten Mal auf: Wie wohlhabende Sarazenen erscheinen sie in der Illustration der Spiezer Chronik Diebold Schillings des Älteren, gekleidet in prächtige Gewänder und orientalische Turbane. Im Text wird angegeben, dass diese «swartzen getouften haiden» aus Ägypten stammten und als BusspilgerInnen nach Bern unterwegs seien. Ob die Roma selbst diese Auskunft erteilten oder der Chronist einfach keine andere Erklärung fand, weiss man nicht; fest steht, dass diese Herkunftslegende für sie günstig war, denn solange die Fremden als PilgerInnen galten, ging man höflich mit ihnen um.

Bald aber verdächtigte man sie, für die Türken zu spionieren, und als die dunkelhäutigen Fremden immer länger in Europa blieben und mit ihrer nomadisierenden Lebensweise für Irritationen sorgten, setzten Vertreibung und Verfolgung ein. Dokumente aus dem 16. und 17. Jahrhundert belegen, wie sich die Strafen für das «Herumzigeunern» verschärften: Prügelstrafen, Brandmarkung, Pranger – bis hin zum Galgen.

Bürgerliche Projektionen

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte die Wissenschaft, dass die Sprache der Roma, die sie sich europaweit durch die Zeiten bewahrten, indische Wurzeln hatte. Das hätte eine Chance sein können, das Volk «aufzuwerten», aber, so wundert sich Klaus-Michael Bogdal, es geschah das Gegenteil: Nach kurzer Zeit wurden die «Zigeuner» als Nachfahren der untersten indischen Kasten, der Parias, angesehen – wofür es keinerlei Belege gibt. Aber die Bilder der «Zigeuner» als schmutzige Diebe und sittenlose LandstreicherInnen sassen zu fest in den Köpfen. So wurden die Begleitumstände von Armut und Obdachlosigkeit zu angeborenen Eigenschaften erklärt, und die verachteten Fahrenden dienten als negatives Spiegelbild all dessen, was das aufstrebende Bürgertum im «aufgeklärten» Europa nicht sein wollte: ein Volk ohne Schrift und Kultur, abergläubisch statt kirchenfromm, zurückgeblieben statt gebildet, sittenlos statt diszipliniert. Diese Einschätzung verschärfte sich mit dem aufkommenden Rassismus im 19. Jahrhundert bis hin zum Nationalsozialismus, der ihnen – wie den Jüdinnen und Juden – das Recht auf Leben absprach.

Während die Roma in einigen Ländern Südosteuropas wie die einheimischen Bauern lange Zeit einfach Leibeigene waren und auch in Spanien mit seinem Völkergemisch eher ihren zugewiesenen Platz fanden, erfüllten die stets vertriebenen «Zigeuner» in Mitteleuropa die Funktion der Gegenwelt. Bogdal belegt dies anhand einer Fülle von literarischen Zeugnissen: Da gibt es die Räuberbanden, die in den Wäldern hausen und die etwa Johann Wolfgang von Goethes «Götz von Berlichingen» freundlich darstellt, während der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi in ihnen unerziehbare Wilde sah, auf die er in seinem Roman «Lienhard und Gertrud» lustvoll Jagd machen lässt. Es gibt die Wahrsagerinnen, meist als magisch begabte alte Hexen dargestellt, wogegen nur Jeremias Gotthelf in seinem «Bauern-Spiegel» eine Vertreterin der «christlichen Zigeuner» als positive Figur zeichnet, nämlich als Vermittlerin in den Konflikten der Dorfgemeinde.

Zum grössten Klischee wurden die jungen Frauen stilisiert: An der «schönen Zigeunerin» machte sich die erotische Sehnsucht des sittlichen Bürgers nach dem ganz Anderen fest. Die Geschichte der berühmtesten von ihnen ist prototypisch: George Bizets Carmen fasziniert durch ihr Temperament und ihre Freiheitsliebe, ist aber nicht zu bändigen, also eine Gefahr für den bürgerlichen Mann – und muss darum auch sterben.

Nach dem Holocaust

Sinnlich, frei und leidenschaftlich: Diese Begriffe tauchen bis heute auf, wenn an Gypsy-Festivals die «Zigeunerfolklore» angepriesen wird. Tatsächlich war Musik eine der Nischen, in denen man den Fähigkeiten der Romvölker eine gewisse Wertschätzung entgegenbrachte. In Spanien haben der Flamenco und sein spezieller Gesang, der «Cante Jondo», viel mit der Musiktradition der «Gitanos» zu tun, genauso wie der Csárdás in Ungarn oder viele der Volkslieder und Tänze in Russland.

In der frühen Sowjetunion gab es sogar eine kurze Phase, in der man die Roma als eigenes Volk anerkannte und ihre Kultur förderte, etwa mit der Gründung von Theatern, und sogar eine Schrift für ihre Sprache ausarbeitete. 1938 machte Stalin mit dieser multikulturellen Strategie zugunsten seiner Russifizierungsstrategie Schluss. Erst nach 1945 gab es im Ostblock wieder Ansätze zu einer Integrationspolitik. Davon legen auch Romane Zeugnis ab, die sich den Problemen und Hoffnungen der «Zigeuner» widmeten. In «Tanz an der Waag» von Josef Sekera lebt ein engagierter Lehrer bei einer Sippe in der Slowakei und versucht als Aufklärer und Vermittler zu agieren: «Es genügt allerdings nicht, für die Zigeuner die allgemeine Schulpflicht einzuführen, es ist notwendig, in ihnen das unerschütterliche Bewusstsein zu wecken, dass sie nicht mehr der Kehricht hinter den Mauern unserer Städte und Dörfer sind, sondern Bürger wie wir.»

Erst seit jüngster Zeit gibt es Selbstzeugnisse von Sinti und Roma. Es war der Holocaust, der manche von ihnen dazu brachte, ihre Erfahrungen schriftlich festzuhalten. Das Interesse, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren, wird dringender. Dazu kann die Spurensuche von Bogdal ein wertvoller Beitrag sein. Mit «Europa erfindet die Zigeuner» möchte der Autor auch dazu beitragen, nicht wieder zurückzufallen in die alten Muster von Vorurteilen und Verfolgung.

Lukas Hartmann: «Räuberleben»

«Üble Brut brütet üble Brut aus»

Der Sinti Jakob Reinhardt, genannt Hannikel, wurde am 17. Juli 1787 in Sulz am Neckar wegen mehrfachen Raubs und Mordes an einem herzoglich-württembergischen Grenadier hingerichtet. Kurz danach erschien anonym der erste Roman über den Räuberhauptmann, und bis heute werden die Legenden um ihn fortgesponnen.

Der Berner Autor Lukas Hartmann fügt Hannikels Nachruhm einen weiteren Roman hinzu: «Räuberleben». Haupterzähler ist der Schreiber des Sulzer Oberamtmanns Schäffer. Eine gute Entscheidung, denn dieser Wilhelm Grau erlebt Verhaftung und Verhöre hautnah mit und wird als Figur anschaulich gezeichnet. Der einsame Witwer schwankt zwischen Neugier, Abscheu und Mitleid, Letzteres vor allem für Hannikels Sohn Dieterle, der bei der Hinrichtung des Vaters zwölf Jahre alt ist und dem er gern geholfen hätte. Aber für den Zigeunerjungen war das Waisenhaus vorgesehen, das durch Graus Augen in so düsteren Farben geschildert wird, dass auch die LeserInnen alle Hoffnungen fahren lassen.

Der württembergische Oberamtmann Schäffer war ein eifriger und erfolgreicher «Gaunerfänger», berühmt für seine langen Fahndungslisten von «Zigeunern, Jaunern und Vaganten». Dank eines Denunzianten wurde Hannikel im bündnerischen Untervaz gefasst – mit grenzüberschreitender Hilfe der Schweizer Behörden. In seinen Verhören ging es Schäffer – ganz im Geiste der Aufklärung – auch um die persönliche Geschichte der Delinquenten. Aber obwohl er die Armut der Sintifamilien protokollieren liess, blieb er den altbekannten Vorurteilen verhaftet: «Üble Brut brütet üble Brut aus.»

Das Problem von Hartmanns durchaus spannendem Roman besteht darin, dass er Verhörprotokolle und historische Schriften als Fakten begreift und in jenen Kapiteln, die er aus der Perspektive von Dieterle oder Hannikel schreibt, kritiklos als Material verwendet. So muss es Dieterle grausen ob dem Blutrausch, in den die Männer geraten, wenn sie einem «Verräter» vor dem Mord auch noch die Nase abschneiden, so muss Hannikel den Soldaten seine jungen Frauen «anbieten», die sonst auf dem Marktplatz die Röcke fliegen lassen, während die älteren Frauen aus der Hand lesen, die Brüder fiedeln und Geschirr verkaufen. So sehr Hartmann auf die harten Lebensbedingungen der Sinti und Jenischen eingeht und ihre ungerechte Behandlung durch die Behörden anprangert, tradiert er damit eben doch auch alte Klischees.
Eva Pfister

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