Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Unvernunft und Wunderglauben

Pedro Lenz findet die Ungeschicklichkeit menschlicher Füsse liebenswert.

Vom Philosophen Heraklit soll folgende Aussage stammen: «Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst anderes und wieder anderes Wasser zu.» Wir verblendeten Fussballfans denken aus Gewohnheit und Liebe tagein, tagaus über den hiesigen Fussball nach. Also steigen wir gedanklich und emotional immer wieder in denselben Fluss. Nach Heraklit müsste uns dabei nun ständig anderes und wieder anderes Wasser zufliessen. Interessanterweise fliesst uns aber in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger das gleiche Wasser zu. Es ist das Wasser der Finanznot und der Geldsorgen.

«Fussball ist nicht nur eine grossartige Sportart, sondern an der Spitze auch ein grossartiges Geschäft, allerdings ein ausgesprochen schlechtes.» Das ist eine leicht gekürzte Aussage aus einer Fernsehsendung des Schweizer Fernsehens vom Mai 1971. Ein anderer Satz aus der gleichen Sendung lautet: «Im Schweizer Spitzenfussball häufen sich die Schulden, und der Schuldenberg wächst immer weiter.» Und eine Frage aus dem erwähnten Fernsehbeitrag heisst: «Wie konnte es so weit kommen?» Schon Sekunden später folgt die mögliche Antwort: «In den letzten zehn Jahren hat sich das Einkommen der Spitzenspieler verfünffacht.»

Die Auflistung von Zitaten ist lang und längst nicht vollständig. Die entsprechende Fernsehdokumentation findet sich auf YouTube unter dem Suchbegriff «Schuldenkrise im Schweizer Fussball 1971». Und obschon die Sendung mehr als vierzig Jahre alt ist, kommt uns fast jeder Satz auch heute recht frisch und bekannt vor.

Warum das so ist, weshalb es also in über vierzig Jahren nicht gelungen ist, den Schweizer Fussball finanziell rentabel zu gestalten, darüber sollen sich die zuständigen Stellen die Köpfe heiss reden. Für uns gewöhnliche Fans wäre es wohl interessanter zu fragen, wieso wir uns gefühlsmässig so stark an Konstrukte hängen, die finanziell derart labil sind.

Vielleicht gehört diese Unvernunft zum Fussball wie die Tore und die schönen Spielzüge. Fussballspielen und Fussballschauen sind schon vom Prinzip her eher unvernünftige Beschäftigungen. Vernünftig wäre es, ein so schwer zu kontrollierendes Ding wie einen aufgepumpten Ball mit den Händen zu führen. Dafür, dass im Fussball die Übereinkunft besteht, den Ball mit den weniger geschickten Extremitäten zu spielen, gibt es keinen vernünftigen Grund. Fast alle Abspielfehler, fast alle fehlerhaften Ballannahmen und fast alle missglückten Abschlussversuche im Fussball hängen mit der naturgegebenen Ungeschicklichkeit unserer Füsse zusammen. Es ist genau diese Ungeschicklichkeit, die alle Fussballerinnen und Fussballer in jedem Spiel zu überwinden versuchen, welche den Fussballsport so unberechenbar und liebenswert macht.

Es braucht demnach schon eine relativ unvernünftige Persönlichkeitsstruktur, um Fussballfan zu werden. Das dürfte dann auch der Grund sein, warum Fussballfans immer gerne bereit sind, anzunehmen, ihre Klubs würden von finanziell gut betuchten, ehrlichen und seriösen Menschen geführt. Unvernünftige Menschen glauben gerne an Wunder. Mehr noch, Wundergläubigkeit ist eine Bedingung, um Fussballfan zu werden. Die Wundergläubigkeit muss sich freilich nicht auf das Spiel an sich beschränken. Wenn zum Beispiel einer daherkommt und erzählt, er sei reich und gerne bereit, seinen Reichtum einem Fussballklub zur Verfügung zu stellen, dann sind die Fans gerne bereit, diesen Wunderversprechen Glauben zu schenken.

Stellt sich danach jedoch, wie gegenwärtig im Fall des Servette FC aus Genf, heraus, dass der Glücksversprecher entweder nicht so reich oder nicht so spendabel ist, wie er behauptet hat, wollen die Fans bereits wieder glauben, es würde bald ein neuer Heilsversprecher kommen. Das war 1971 schon so, es ist heute so, und es wird auch in Zukunft so bleiben – hoffentlich.

Pedro Lenz, 47, ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine Wundergläubigkeit beschränkt sich nicht auf den Fussball.

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