Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

So selten wie Phönixfedern und Einhornhörner

In der Volksrepublik China gilt die Gleichheit der Geschlechter, doch ganz oben, in den entscheidenden Gremien, sitzen nur Männer. Die Beteiligung der Frauen ist zu einer Art Misswahl geworden.

Von Wolf Kantelhardt, Beijing

Eigentlich hätte Yang Jing sich freuen müssen. Die letzten Tage ging es ihr gar nicht gut. Vielleicht das Herz. Die kardiologischen Untersuchungen hat sie hinter sich, jetzt liegt Yang Jing im Behandlungszimmer und wartet auf das Ergebnis. «Nichts mit dem Herz», erklärt ihr der Arzt. Aber statt sich über diesen Befund zu freuen, muss Yang Jing seufzen. Ein Seufzer, der sie daran erinnert, wie ihre eigene Mutter früher immer geseufzt hat.

Yang Jings Mutter war 1938 auf die Welt gekommen und in den «gleichberechtigten fünfziger Jahren» aufgewachsen. Mit achtzehn Jahren begann sie zu arbeiten und wurde die erste Polizeidienststellenleiterin ihrer Stadt. Die Familie bereitete ihr jedoch allerhand Sorgen: Ihr Mann wurde für über zehn Jahre aufs Land verschickt, sodass sich Yangs Mutter allein um ihre alte Mutter und ihre vier kleinen Töchter kümmern musste. Da in China alte Menschen traditionell in der Familie des Sohnes unterkommen, gab es ständig Streitereien mit dem Mann. Und ihr Beruf trug ihr den Vorwurf ein, «keine liebende Mutter» zu sein.

«Das Schlimmste war vielleicht, dass sie gar nicht wusste, wogegen sie kämpfte», sagt Yang Jing, Dozentin am China Women’s College, der Hochschule des chinesischen Frauenverbands. «Die Gleichheit von Mann und Frau stand doch jetzt im Gesetz. Was war dann ihr Problem? Ihr Mann? Ihre eigenen Anschauungen? Wovon sollte sie sich als Frau überhaupt befreien?» Viel habe sich da bis heute nicht geändert: «Die Kaderfrauen, die bei mir Kurse besuchten, haben auch immer so geseufzt», erinnert sich Yang Jing heute. Warum? In ihrer Doktorarbeit ging Yang Jing genau dieser Frage nach. Sie untersuchte die Biografien von mehreren Frauen, darunter die einer chinesischen Politikerin, die sie Shuhua nennt.

Das Beispiel Shuhua

Shuhuas (richtiger Name der Redaktion bekannt) Geschichte ist exemplarisch für das Leben vieler Frauen, die sich in der Kommunistischen Partei betätigten. Es ist eine Geschichte geprägt von Hunger und bitterer Armut, von den Kampagnen der KP-Führung unter Mao Zedong, von kleinen Fortschritten, von entbehrungsreichen Zeiten wie während des Grossen Sprungs nach vorn und der Proletarischen Kulturrevolution – aber auch von Rückschritten.

Shuhua wurde 1945 als ältestes von acht Kindern in eine nordchinesische Bauernfamilie geboren. «Der Weg zur Schule war weit, öffentliche Verkehrsmittel gab es keine», schildert sie in Yangs Arbeit ihre Kindheit. Aber meist konnte sie gar nicht die Schule besuchen, weil sie zu Hause arbeiten musste. Jahrelang half sie, ihre Geschwister zu ernähren, und als sie dann doch zur Schule ging, weil ihre Eltern das Schulgeld auftreiben konnten, hatte sie oft tagelang nichts zu essen. Also fing Shuhua an, in einer Volkskommune zu arbeiten.

In den sechziger und siebziger Jahren galt Maos Losung «Die Zeiten haben sich geändert, Männer und Frauen sind gleich». Für Frauen war es damals deswegen relativ leicht, eine Arbeit zu finden. «Während der Klärungskampagne 1964 [der eine ideologische Erziehungsbewegung zugrunde lag] sollte bei uns ein Brunnen gebohrt werden», erzählt Shuhua in Yangs Arbeit. «Damals hiess es: Was Männer schaffen, können Frauen genauso gut.» Auch bei der nachfolgenden Kulturrevolution (1966 bis 1976) galt die Gleichheit von Mann und Frau – die jedoch vor allem bedeutete, dass Frauen wie Männer sein sollten und dasselbe zu tun hatten. Und so sprang auch Shuhua, die ihr neugeborenes Kind nach dreissig Tagen zu ihrer Mutter brachte, in das kalte Wasser und grub wie die Männer stundenlang mit blossen Händen den Schlamm weg. Nur dass die Männer wegen der Kälte zuvor einen Schluck Schnaps getrunken hatten – das traute sich Shuhua nun doch nicht.

1974, kurz vor Ende der Kulturrevolution, verkündete der Frauenverband, dass die Benachteiligung von Frauen ein Zeichen der feudalistischen konfuzianischen Ideologie sei. In der Folge kamen weibliche Kader in Positionen, die ihnen zuvor verwehrt waren. Shuhua zum Beispiel wurde – auch für sie völlig überraschend – zur Vizevorsitzenden des Ständigen Ausschusses einer KP-Organisationskommission befördert. Nicht mal im Traum hatte sie das zu hoffen gewagt. Doch nach dem Ende der Kulturevolution blieben weitere Beförderungen aus.

Mit der Reform- und Öffnungspolitik ab Ende der achtziger Jahre änderte sich alles. Seither spielen Frauen in China allenfalls noch in gesellschaftlichen Randbereichen eine Rolle, im Frauenverband etwa (in dem Shuhua die meiste Zeit tätig war) oder in der Geburtenkontrollkommission. Im Zentralkomitee der KP, auf der oberen Ebene des Staatsrats oder im Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses sucht man vergeblich nach ihnen.

Tao Qiliang, die Vorsitzende der Vereinigung chinesischer Stadtbürgermeisterinnen, erläutert an einem konkreten Beispiel die Gründe. «Es gibt in China über sechshundert Städte und dreihundert Bürgermeisterinnen», sagt sie. Aber der allergrösste Teil von ihnen habe nur eine stellvertretende Funktion: «Es gibt nur zehn regierende Bürgermeisterinnen.» Und auf die Vizefunktionärinnen werde meist herabgeschaut. Wenn die weibliche Vize nicht tue, was der Bürgermeister oder dessen männlicher Vize verlange, heisse es oft: «Weiblichen Kadern mangelt es an Kooperationsbereitschaft.» Und wenn man gut klarkomme, dann bekomme frau zu hören: «Na ja, wer weiss, was die miteinander haben.»

Ein ähnliches Muster gibt es auch bei Beförderungen. Seit Anfang der achtziger Jahre werden Kader nicht nur von oben ernannt, sondern auch über eine «demokratische Empfehlung» ausgesucht. Besonders demokratisch ist so eine Empfehlung freilich nicht, denn auch hierbei handelt es sich vor allem um eine Benennung durch die nächsthöhere Ebene. Und es funktioniert immer noch so, wie Shuhua dies laut Yang beschrieb: «Eine Frau nachdrücklich zu empfehlen oder die gleiche Frau mehrmals vorzuschlagen, wird keinem Mann in den Sinn kommen», erläutert sie. Entweder mehrere Frauen gleichzeitig oder keine: «Der Führungskader muss vermeiden, dass ihn jemand verdächtigt, er könnte mit dieser Frau ein Verhältnis haben.» Für Männer gelte das nicht: Selbst ein Korruptionsverdacht sei weit weniger karriereschädlich als die Vermutung, er könne eine sexuelle Beziehung haben.

Wieder eine Ware

Nicht nur diese Vorbehalte blockieren den Aufstieg von Frauen. So bestimmt zwar das chinesische Gesetz zur Sicherung der Rechte der Frau, dass weibliche Kader bis ins 60. Lebensjahr im Amt bleiben können. In der Praxis wird es aber nicht angewandt: «Aus Rücksicht auf die biologischen Besonderheiten der Frau» werden sie ab 45 nicht mehr befördert und mit 50 in den Ruhestand geschickt. Das hat auch der Frauenverband nicht ändern können. Der stand im Falle eines Interessenkonflikts ohnehin eher auf der Seite des Staats als auf der Seite der Frauen. Und er hat seit der Einführung der Marktwirtschaft erheblich weniger Einfluss als noch zu Zeiten der Planwirtschaft.

Und so brach während der vergangenen zwei Jahrzehnte der Frauenanteil in allen Partei- und Regierungsämtern massiv ein: Frauen seien auf den Führungsebenen «so selten wie Phönixfedern und Einhornhörner», sagt Yang Jing. Auch Shuhuas Karriere war vorzeitig zu Ende: In den Ruhestand ging sie als Vizevorsitzende eines Stadtparlaments.

Von den allmählichen Veränderungen, die mit Deng Xiaopings Politik der Marktöffnung um sich griffen, berichtet in Yang Jings Doktorarbeit auch Honglei, Vizeherausgeberin von «Zhongguo Funü Bao», einer Zeitschrift des Frauenverbands. Sie wurde 1985 losgeschickt, um anlässlich des Internationalen Frauentags über «gute Frauen» und über Modellfamilien zu berichten. «Ich besuchte eine schwangere Frau, die nach dem Tod ihres Manns ihre Arbeit aufgab, um sich besser um ihre Schwiegermutter kümmern zu können – und die dafür einen Preis als ‹zivilisierte Familie› bekam.» Anfänglich habe sie das als sehr bewegend empfunden. Aber dann habe sie gedacht: «Ich hätte nicht gekündigt. Warum hat die Frau nicht wieder geheiratet? Und weshalb zeichnet die Gesellschaft solche Frauen aus?»

In der alten Zeit, sagt sie, «gab es auch ‹tugendhafte Vorbilder›: Frauen, die sich die Hand abschnitten, um aus dem Blut ein Medikament für ihre Schwiegermutter herzustellen. Wieso kommt es mir so vor, als hätten die tugendhaften Vorbilder von damals etwas mit denen von heute gemeinsam? Wie konnte aus dem von uns kritisierten Feudalismus auf einmal eine ‹spirituelle Zivilisation› werden?»

Mittlerweile, so Honglei, seien Frauen zu Waren geworden. «Es gibt wieder Nebenfrauen, und sogar unsere Zeitschrift wird von der Konsumgesellschaft belagert.» Aus Kostengründen veröffentlicht «Zhongguo Funü Bao» auch Anzeigen für Kosmetika und «Dünne-Taille-dicker-Hintern-Produkte, und wir schreiben darüber, wie man sich ‹hübsch machen› kann».

Nur nicht schlecht aussehen

«Was für ein Jammer!» Yang Jing muss schon wieder seufzen. «Die zu Maos Zeiten herangewachsenen und ausgebildeten weiblichen Kader wären nie darauf gekommen, dass ihr Aussehen ein Kriterium für ihre Teilhabe am politischen Leben sein könnte», sagt sie. «Sie haben ein Leben lang gekämpft und sich aufgrund ihrer Fähigkeiten ausgezeichnet.» Heute hingegen «werden ‹hässliche Frauen› nicht befördert, weil sie für die Männer nicht schön genug sind, und ‹schöne Frauen› haben keine Chance, weil das Anlass für Gerede gibt». Die politische Beteiligung für Frauen sei in China zu einer Art Miss-Wahl degeneriert – «und Schiedsrichter sind wieder mal die Männer».

Als Yang Jing hörte, wie ihre Verwandten und Freunde draussen im Wartezimmer über sie sprechen («Das kommt davon, weil sie immer so viel liest!» und «Die schont sich ja nie»), fühlte auch sie sich sehr ungerecht behandelt. Wie soll man einen guten Unterricht geben, wenn man nicht viel liest? Und wie soll sie sich schonen, wenn sie abends nach Hause kommt und der Haushalt gemacht werden will und sie sich um die schulischen Leistungen ihres Sohns kümmern muss? Das ist das, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Und dabei soll sie nicht zu überarbeitet aussehen. Wäre etwas mit dem Herz gewesen, dann hätte sie wenigstens pausieren und krank aussehen dürfen! So aber heisst es ab morgen wieder: «120 Prozent Leistung für 80 Prozent Anerkennung», wie sie sagt. Kein Wunder, dass sie da seufzen muss.

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