Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Für den Mist, nicht für die Milch

Das Buch des anthroposophischen Landwirts Martin Ott und des Fotografen Philipp Rohner ermöglicht einen ungewohnten Blick auf die Kuh – auch für Anthroposophie-SkeptikerInnen.

Von Bettina Dyttrich

«Gebt der Kuh die Wiese zurück», sagt Martin Ott, «der Bauer muss lernen, dass er die Kuh wegen des Mists auf dem Betrieb hat und die Milch ein Zusatzgeschenk ist.» Foto: Philipp Rohner

Es gibt gute Gründe, AnthroposophInnen gegenüber skeptisch zu sein. Mindestens etwas muss man ihnen aber lassen: Sie haben die schönsten Bauernhöfe. Was Ökologie, Vielfalt und Tierwohl betrifft, ist das anthroposophische Demeter-Label noch konsequenter als die Bio-Knospe. Das Gut Rheinau des Kantons Zürich ist heute der grösste Demeter-Betrieb der Schweiz. Zum Gut gehören Rebberge, Äcker und Wiesen, sozialtherapeutische Arbeitsplätze und eine grosse Milchviehherde. Ihr Betreuer, der Landwirt Martin Ott, hat ein Buch über Kühe geschrieben – über seine Kühe, aber nicht nur.

Otts von der Anthroposophie geprägtes Denken kann gewöhnungsbedürftig sein. In einem wirkt «Kühe verstehen» auch sehr widersprüchlich: Am Anfang betont der Autor, die Wahrnehmung der Kuh sei von der menschlichen gänzlich verschieden. «Viel zu schnell schliessen wir von unserem eigenen Erleben auf das der Kuh.» Er trägt dann aber selber zur Vermenschlichung bei, indem er banale «Weisheiten» aus allen möglichen Kulturen und kitschige Sprüche («Mütterliche Güte – ein uferloses Meer mit unendlicher Tiefe», aus Russland) vor die Kapitel setzt.

Glückliche Futterpflanzen?

Trotzdem sollten dieses Buch auch Leute lesen, die mit dem Begriff «Innerlichkeit» wenig anfangen können und sich über Sätze wie «Es gibt nichts Schöneres für eine Pflanze, als von einer Kuh gefressen zu werden» ein bisschen wundern. Denn Martin Ott hat wichtige Dinge über die heutige Tierproduktion zu sagen, die nicht nur LandwirtInnen angehen. Dabei idealisiert er nicht, trotz seiner Begeisterung für das Rindvieh: Er zeigt, dass die Menschen stark in das soziale Gefüge einer Milchviehherde eingreifen, indem sie den Kühen die Kälber wegnehmen – die Familienstrukturen werden dabei zerstört, die Tiere sind der Herdenhierarchie schonungslos ausgesetzt. In Rheinau dürfen die Kühe darum vor dem Melken ihre Kälber säugen. Das stärkt auch deren Immunsystem. Otts Ausführungen über die Herdenstruktur und die Porträts einzelner Kühe lassen erahnen, wie spannend die Arbeit mit Nutztieren sein kann, wenn sie nicht zu Milch- und Fleischmaschinen degradiert werden.

Das Wichtigste kommt in der zweiten Hälfte des Buches: «Die Kuh steht im Mittelpunkt einer verheerenden Entwicklung, auch wenn sie selbst nichts dafür kann.» Ott prangert die heutige Hochleistungszucht an, denn sie produziert Kühe, die nur noch mit viel Getreide, Fett und Protein im Futter (warum erwähnt der Autor Soja nicht?) «funktionieren». «Eine durchschnittliche europäische Kuh frisst 2,5 Tonnen Kraftfutter pro Jahr.» Davon «könnten nötigenfalls fünf Menschen ein Jahr lang leben. Von dem, was die Kuh an menschlicher Nahrung aus den 2,5 Tonnen Getreide produziert (Milch, Fleisch, Käse usw.), kann aber nur ein Mensch leben.»

Eindrückliche Bilder

Sollen wir also die Nutztierhaltung abschaffen? Nein, denn die Rechnung geht noch weiter: Wenn ein Betrieb auf Kraftfutter verzichtet und nur so viele Kühe hält, wie es braucht, um die Äcker zu düngen, «dann produzieren siebzig Kühe für 280 Menschen die Nahrung für ein Jahr». Otts Schlussfolgerung lautet deshalb: «Gebt also der Kuh die Wiese zurück! (…) Der Bauer muss lernen, dass er die Kuh wegen des Mists auf dem Betrieb hat und die Milch nur eines der vielen Zusatzgeschenke dieses wunderbaren Tiers ist.» Zum Mist als Dünger gibt es langfristig keine Alternative: Die Herstellung von Kunstdünger braucht viel zu viel Energie.

Philipp Rohner hat die Rheinauer Kühe fotografiert: ein mit Wasserperlen bedecktes Flotzmaul ist zu bestaunen, die Zunge, die ein Grasbüschel abreisst, Stierhoden, geschwungene Hörner, das Kalbmaul an der Zitze. Es sind eindrückliche Bilder, die Schönheit auch an unerwarteten Orten finden – hochästhetisch ist zum Beispiel die gesprenkelte Scham einer Fleckviehkuh oder eine dicke Bauchvene, die in der Sonne leuchtet. Wie Martin Otts Text ermöglichen sie einen neuen, ungewohnten Blick auf die Kuh – unverständlich, warum Rohners Name nicht auch auf dem Umschlag steht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch