Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Kolonialkorrespondenten?

Alfred Hackensberger zur Kriegsberichterstattung aus Homs.

Robert Fisk ist wieder einmal ins Fettnäpfchen getreten. Im britischen «Independent» wagte es der bekannte britische Journalist, die Berichterstattung aus der syrischen Stadt Homs zu hinterfragen. Zugegeben: eine Gratwanderung. Zwei KollegInnen, Marie Calvin und Remi Ochlik, sind bei ihrer Arbeit in der belagerten Stadt unter dem Beschuss der syrischen Armee ums Leben gekommen. Drei weitere erlitten zum Teil schwere Verletzungen und konnten erst im letzten Moment durch eine waghalsige Flucht in den Libanon gerettet werden. Eine Flucht, die mithilfe von Freiwilligen zustande kam. Dreizehn von ihnen starben dabei: «Wie gut kennen wir den Namen des geretteten Fotografen Paul Conroy», schreibt Fisk. «Und wie wenig wissen wir über die dreizehn Syrer, die von Scharfschützen getötet wurden? Werden wir die Namen dieser Märtyrer erfahren oder wenigstens versuchen, sie zu erfahren?»

Die Medien hatten sich auf die «grauenhafte Flucht aus der Hölle von Homs» gestürzt. Die JournalistInnen wurden dabei zur Hauptstory, die Vorgänge in Homs Nebensache. Doch Fisk rüttelt nun am Mythos der KriegsreporterInnen. Haufenweise würden sie mit schusssicheren Westen und in «Militärkostümen» in die Krisenzonen anreisen und benähmen sich dort, als seien sie wichtiger als die Leute, über die sie berichten. Im Gegensatz zur Bevölkerung könnten die JournalistInnen aber jederzeit in ihr sicheres Zuhause zurückkehren. «Da ist etwas Kolonialistisches dran», sagt Fisk, der als Berichterstatter aus dem Nahen und Mittleren Osten selbst mehrfach sein Leben riskierte.

In den Blogs und auf den Social-Media-Seiten der Community von KriegskorrespondentInnen kommt diese Kritik nicht gut an. «Ein widerlicher Artikel», heisst es da zum Beispiel, oder: «Fisk war früher gut, heute sollte man ihn einfach ignorieren.» Widerspruch regt sich sogar gegen Fisks Feststellung, dass es für die Medien attraktivere und weniger attraktive Kriege gebe. Dazu ein aktuelles Beispiel: Parallel zum Bürgerkrieg in Syrien findet im Norden Malis eine Rebellion der Tuareg statt. 280 000 Menschen sind laut Médecins Sans Frontières auf der Flucht. Die Situation ist prekär. Nichts davon kommt in unsere Schlagzeilen.

Warum also Homs? Was macht den Ort so attraktiv, dass JournalistInnen bereit sind, dort ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Von Elend und Tod der Zivilbevölkerung, vom Beschuss durch die syrische Armee war ja über BBC, al-Dschasira und Skynews längst berichtet worden. Und es war also nur eine Frage der Zeit, bis das Regime versuchen würde, die Kommunikation der Rebellen mit der Aussenwelt zu unterbinden. Das Medienzentrum in Homs, das seit einem Monat bestand, wurde selbst zum Ziel. «Die Granateneinschläge kamen immer näher», erinnert sich Paul Conroy, der in der Armee bei der Artillerie gewesen war. Alles voraussehbar.

Robert Fisk zitiert in seinem Artikel die israelische Journalistin Amira Hass: Die Aufgabe von AuslandskorrespondentInnen sei es nicht, «Zeugen von Geschichte» zu sein, sondern «die Zentren der Macht zu beobachten», erst recht in einem Krieg, in dem die Parteien die Wahrheit vor Ort nach Belieben zurechtlegten. Dazu passt, was jüngst einer der einheimischen Hauptorganisatoren des Medienzentrums von Homs erklärte: Man zeige den JournalistInnen so viel wie möglich vom Elend der Zivilbevölkerung und so wenig wie möglich von den Kampfaktivitäten der Rebellen. «Manchmal muss man eben einige Nachrichten zurückhalten.»

Alfred Hackensberger schreibt für die WOZ aus Tanger.

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