Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Die Monster und Bedürfnisse danach

Drachen und Minotauren, Frankenstein und Godzilla, der Golem und al-Gaddafi: Monster und Ungeheuer begleiten den Menschen seit Urzeiten. Stephen T. Asma, Professor für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte in Chicago, widmet dem Phänomen ein umfassendes kulturgeschichtliches Werk, das drei Jahrtausende umspannt. Die Monster der Antike behandelt er ebenso wie die Cyborgs und Serienkiller der Gegenwart. Galten Ungeheuer in der Antike als Vorzeichen mit Bedeutung, so erachteten sie die Autoritäten des Mittelalters vor allem als Beweise für die Allmacht Gottes, der Mächtiges wie Drachen erschaffen konnte, oder als Ankündigungen dräuenden Unheils.

Die erstarkenden Naturwissenschaften nahmen darin die Varianten und Mutationen formende Kraft der Natur wahr. Im 20. Jahrhundert verschob sich durch die Psychoanalyse das Augenmerk auf die inneren Monster, auf das Ungeheuer in uns: Sigmund Freud verstand, so Asma, «das dunkle, verborgene Ding an sich nicht als kosmische metaphysische Kraft, sondern als Bestandteil der menschlichen Psyche». Asma schliesst daraus, die Monster und unser Bedürfnis danach legten unsere irrationalen, emotionalen und triebhaften Dimensionen offen, und diese seien grundlegender als die Rationalität. Das Unheimliche besteht in einer Rückkehr des Verdrängten, es drückt menschliche Ängste aus.

«Monster» ist aber auch ein Kampfbegriff gegen andere Völker, andere Menschen. Daran macht Asma «eine übermässige Furcht» einer ganzen Gesellschaft fest: «Die Darstellung von Fremden als Monster ist möglicherweise eine neurotische kulturelle Reaktion einer paranoiden Gesellschaft», schreibt er. Entsprechend beurteilt er Samuel P. Huntingtons Bestseller «Kampf der Kulturen» (1996), dessen These vom Zusammenstoss der Kulturen bloss ein Ersatz für die ausdrücklich rassistische Xenophobie früherer Zeiten sei, als «unbestimmt paranoid».

Weitreichend und brisant ist Asmas Buch, dessen Thema man auf den ersten Blick für eher pittoresk und schöngeistig halten könnte.

Raphael Zehnder

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