Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Was niemandem mehr auffällt

Von Bettina Dyttrich

Eine linke Gruppe organisiert eine Veranstaltung: Keine einzige Frau sitzt auf dem Podium. «Ich habe auch darauf hingewiesen», sagt ein beteiligter Mann. «Aber die Frauen in unserer Gruppe fanden, das spiele doch keine Rolle.»

Die jungen Lehrerinnen, frisch aus der Pädagogischen Hochschule, hätten oft einen Widerwillen gegen geschlechtergerechte Sprache, erzählt eine Schulleiterin. «Sie sagen, diese Debatte nerve.» Und immer mal wieder äussern sich erfolgreiche Frauen in den Medien geradezu beleidigt über Quotenforderungen: Das haben wir doch nicht nötig – wir sind gut genug, um es nach oben zu schaffen!

«Wie sehen Sie das als Frau?» Dieser Satz ist letztlich ein Verdienst der Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts, die anprangerten, dass mit dem bürgerlichen «Menschen» nur der Mann gemeint war. Aber eine Generation später irritiert er viele junge Frauen: Wenn das Geschlecht keine Rolle spielen soll, wie es die Feministinnen fordern – warum pochen dann ausgerechnet sie darauf, dass es immer noch eine spielt?

Weil es hier um einen himmelweiten Unterschied geht: «Das Geschlecht spielt keine Rolle mehr» als Ziel oder (pessimistischer gedacht) als Utopie ist das eine – die Behauptung, das Geschlecht spiele heute schon keine Rolle mehr, etwas ganz anderes. «Ich mache keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen», behaupten viele – und reagieren äusserst beleidigt, wenn sie jemand darauf aufmerksam macht, dass es nicht stimmt. «Das Geschlecht spielt keine Rolle mehr» ist zur Kampfbehauptung jener geworden, die nicht genau hinschauen wollen.

Das obige Beispiel mit dem Podium ist schon einige Jahre alt. Aber gerade ist eine Mail von der Zürcher Occupy-Bewegung eingetroffen. Sie organisiert eine Veranstaltung mit einem religiösen Sozialisten über Kirchen und Kapitalismus. Und einen Fukushima-Gedenktag mit zwei Politikern und einem Schriftsteller. Und ein Podium zur Parteienfinanzierung mit drei Politikern und einem Moderator. Das fällt offenbar niemandem auf. Denn es spielt ja keine Rolle.

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