Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Der Krieg ohne Namen

Am kommenden Montag jährt sich zum 50. Mal das Ende des Algerienkriegs. Das systematische Verdrängen dieser Kolonialgeschichte prägt Frankreich noch heute.

Von Thomas Schaffroth, Marseille

Fünfzig Jahre nach Ende des Algerienkriegs leben nur noch wenige der direkt beteiligten Menschen, doch die Erinnerungen leben weiter. Auch die Wunden des Kriegs öffnen sich noch immer schnell. Bei Fussballspielen der Nationalmannschaften von Frankreich und Algerien kommt es beim Abspielen der französischen Nationalhymne hin und wieder zu Pfeifkonzerten. In der Regel protestieren dann FranzösInnen mit Eltern, die aus Algerien stammen. Die «beurs» und «beurettes», die NachfahrInnen der maghrebinischen MigrantInnen, zeigen damit ihre Frustration, dass sie immer noch diskriminiert werden, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt.

Algerien ist das erste Land des afrikanischen Kontinents, das seine Unabhängigkeit durch einen bewaffneten Kampf errungen hat. Von der politischen Bedeutung her ist dieser Erfolg mit den revolutionären Siegen Kubas und Vietnams zu vergleichen – auch wenn sich im Maghreb keine kommunistische, sondern eine national-revolutionäre Bewegung behauptete, die stark islamisch geprägt war.

Kriegsbeginn am Kriegsende

Als Frankreich ab 1830 das Territorium eroberte, das später Algerien werden sollte, löste die Kolonialmacht eine mehr als 300 Jahre dauernde Fremdherrschaft durch das Osmanische Reich ab – und begann sschnell mit der zielstrebigen Ansiedlung eigener BürgerInnen. Im Gegensatz zu Marokko und Tunesien wurde das Gebiet Algeriens jedoch nicht als Kolonie behandelt, sondern in Form von drei Departementen in Frankreich integriert. Damit waren die Einheimischen formalrechtlich BürgerInnen des französischen Staats – und hatten dem Zentralstaat zu dienen: So starben im Ersten Weltkrieg Tausende in den Schützengräben von Verdun; während des Zweiten Weltkriegs kämpften mehr als 123 000 Algerier in der französischen Armee.

Nach dem Sieg der Alliierten im Mai 1945 demonstrierten BewohnerInnen in den Städten Sétif und Guelma für ihre Unabhängigkeit. Es kam zu einem Massaker, bei dem über 30 000 AlgerierInnen und 103 Franzosen starben. Damit begann faktisch der Algerienkrieg, auch wenn in Frankreich wie in Algerien der 1. November 1954 als offizieller Kriegsbeginn gilt. An jenem Tag verübten mehrere Kommandos der Einheitspartei Front National de Libération (FLN) auf algerischem Territorium gleichzeitig mehrere Bombenattentate – und erklärten Frankreich den Unabhängigkeitskrieg.

Das französische Kolonialreich hatte zu jenem Zeitpunkt bereits seine Besitztümer in Indochina, Marokko und Tunesien verloren. Der Nato-Mitgliedstaat zog trotz des herrschenden Kalten Kriegs einen Teil seiner Truppen aus Europa ab und setzte sie an der algerischen Front ein. Bis zum Ende des Algerienkriegs kamen auf der Südseite des Mittelmeers über eine Million französische Soldaten zum Einsatz. In den neun Jahren des Befreiungskriegs starben mindestens 400 000 AlgerierInnen und 23 000 Franzosen.

Amnestie als Vorstufe zur Amnesie

Der französische Staat reagierte äusserst schnell auf die Herausforderung durch die algerische Unabhängigkeitsbewegung. 1956 verabschiedete die Nationalversammlung eine Notstandsgesetzgebung und hob einen Teil der bürgerlichen Rechte auf. Für die BürgerInnen von Kontinentalfrankreich bedeutete dies unter anderem eine rigorose Presse- und Publikationszensur sowie die Aktivierung der Militärjustiz.

In Algerien waren die Folgen für die einheimische Bevölkerung noch drastischer: Über eine Million EinwohnerInnen wurden zwangsumgesiedelt und in sogenannte Schutzdörfer oder in Internierungslager deportiert; zudem begann die Armee systematisch zu foltern. Über 10 000 verhaftete AlgerierInnen sind in jener Zeit «verschwunden», also ermordet worden. Bereits 1956 war Paul Teitgen, Generalsekretär der Präfektur Algiers, mit der Begründung zurückgetreten, die Armee wende in Algerien «Gestapo-Methoden» an.

François Mitterrand, der 1981 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, war während des Algerienkriegs Innenminister und so bestens über die Foltermethoden der französischen Armee informiert. Später als Justizminister liess er zu, dass 45 algerische Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt wurden. Jene Militärs wiederum, die sich der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hatten, wurden von Mitterrand begnadigt: Amnestie als Vorstufe zur Amnesie.

Dies zeigte sich auch in anderen Bereichen. So war der Krieg im Staatsjargon vorerst nur als «die Ereignisse von Algerien» bezeichnet worden. Erst 1999 hat der damalige Staatschef Jacques Chirac den «Krieg ohne Namen» zum Algerienkrieg erklärt. Und die Staatsarchive begannen sich unter dem Druck von Journalistinnen und Historikern langsam zu öffnen.

Die Vergessenen der Geschichte

Bei Ausbruch des offenen Konflikts lebten in Algerien acht Millionen Einheimische und eine Million EuropäerInnen, vorwiegend FranzösInnen, die sich selbst als «pieds noirs», als Schwarzfüsse bezeichneten. Nach Kriegsende kehrten Letztere aus Angst vor Repression und der Rache der algerischen Bevölkerung zurück und liessen sich vorwiegend in Südfrankreich nieder. In Frankreich fanden diese Flüchtlinge wenig Anerkennung. Zwar erhielten sie für die in Algerien zurückgelassenen Güter kleine Entschädigungen, doch sie blieben Fremde und fühlten sich selbst lange als «Opfer der Entkolonialisierung». Bis heute sind die «pieds noirs» ein Stimmenreservoir rechtsextremer Parteien wie etwa des Front National.

Bei Ausbruch des Kriegs gab es aber auch gebürtige AlgerierInnen, die eine Unabhängigkeit ablehnten, die sogenannten Harkis, die meist in der französischen Armee kämpften; 1961 zum Beispiel waren es 61 000. Noch heute gilt dieser Begriff in Algerien als Synonym für «Verräter». Viele von ihnen haben sich allerdings nicht nur aus politischen Gründen rekrutieren lassen, sondern auch wegen des hohen Solds. Nach Kriegsende weigerte sich der französische Staat jedoch, sie aufzunehmen. Über 10 000 Harkis sind in der Folge ermordet worden, oft von FLN-Mitgliedern. 1991 hat Édith Cresson, die sozialistische Ministerpräsidentin unter Mitterrand, die Harkis als «Vergessene der Geschichte» bezeichnet.

Riss im Nationalgefühl

Der Algerienkrieg hatte den letzten Pfeiler des Imperiums zerstört und dabei bei den französischen NationalistInnen eine Identitätskrise ausgelöst. Gleichsam als «Retter der Nation» wurde 1958 General Charles de Gaulle zum Präsidenten gewählt. Er liess eine neue Verfassung verabschieden, die noch heute in Kraft ist und die sich vor allem durch eine starke Exekutive auszeichnet und eine Nationalversammlung, die als Legislative in erster Linie die Politik des Präsidenten absegnen soll. Andererseits gab de Gaulle bei Amtsantritt zu verstehen, dass die französischen Departemente in Algerien früher oder später aufgegeben werden müssten. Er nahm gegen den Willen der SiedlerInnen und von Teilen der Armee Verhandlungen mit dem FLN auf. Am 22. April 1961 putschten deshalb in Algerien vier Generäle mit der Losung «für ein französisches Algerien» und übernahmen vorübergehend das Kommando in den Städten Algier und Oran. Doch die Putschisten ergaben sich schnell; die Mehrheit der Armee und der Bevölkerung Frankreichs standen loyal zu de Gaulle.

Schon zuvor allerdings hatten Militärs und Siedler die Geheimorganisation OAS gegründet, die in Algerien insgesamt 2000 Menschen ermordete. Zumeist AlgerierInnen, aber auch FranzösInnen, die gegenüber der Unabhängigkeitsbewegung Verständnis zeigten. Die fehlgeschlagenen Attentate der OAS auf Personen wie de Gaulle, Jean-Paul Sartre und André Malraux 1962 erregten in Frankreich Abscheu.

Eine friedliche, aber unbewilligte Demonstration der Linken gegen die OAS am 8. Februar 1962 in Paris wurde wiederum so gewaltsam von der Polizei aufgelöst, dass sieben DemonstrantInnen starben. Schon ein halbes Jahr zuvor hatte der französische Staat in Paris an demonstrierenden AlgerierInnen ein Massaker verübt (siehe WOZ, Nr. 41/11). Erst in den letzten Jahren kam in Frankreich eine kritische Distanz zum Algerienkrieg auf.

«Vergesst nicht das Vergessene!» Diese Empfehlung Sigmund Freuds wurde lange Zeit nicht gehört. Algier ist zwar nur eine Flugstunde von Marseille entfernt. Wer aber die andere Seite des Mittelmeers besuchen möchte, braucht ein Visum. Und wer vom Süden her nach Frankreich reisen will, muss damit rechnen, kein Visum zu erhalten. Menschen aus Algerien bilden in Frankreich zwar mit Abstand die grösste MigrantInnengruppe. Aber die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern köcheln seit der Unabhängigkeit auf Sparflamme. Diese Seite der Vergangenheit ist immer noch präsent. So hatte das französische Parlament 2005 ein Gesetz verabschiedet, das «die positiven Seiten des Kolonialismus» definiert. Und die algerische Legislative antwortete vier Jahre später mit einem Gesetz, das den Kolonialismus als kriminellen Akt definiert.

Als Jacques Chirac 2003 als erster französischer Präsident Algerien besuchte, brachte er seinem Gastgeber Abdelasis Bouteflika zwei Geschenke mit: erstens eine finanzielle Entschädigung für die Atomversuche in der algerischen Sahara, die Frankreich zwischen 1960 und 1966 abgehalten hatte. Und zweitens einen Lageplan mehrerer Tausend Minen, welche die französische Armee während des Unabhängigkeitskriegs an den algerischen Grenzen zu Marokko und Tunesien vergraben hatte.

Abgesehen davon ist Algerien ein wichtiger Wirtschaftspartner Frankreichs; es liefert zwanzig Prozent der gesamten französischen Gasimporte und ist das wichtigste afrikanische Einfuhrland für französische Produkte. Die heute noch relativ stabilen politischen Verhältnisse in Algerien hängen auch damit zusammen, dass ein Teil der Rohstoffeinkünfte von der Regierung verwendet wird, um die Preise der lebensnotwendigen Güter niedrig zu halten. Sie sind so stabil, dass es selbst dann nicht zu Unruhen kam, als der amtierende französische Präsident Nicolas Sarkozy 2007 bei seinem ersten Staatsbesuch in Algerien erklärte: «Frankreich wird sich für die Zeit des Kolonialismus nie entschuldigen!»

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