Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Ein Geschenk des Himmels

In einem Auswahlband sind dreizehn Erzählungen des kolumbianischen Autors Darío Ruiz Gómez aus 45 Jahren zu lesen. Am schönsten sind diejenigen, in denen er über die Armen schreibt – und ihnen ihre Würde zurückgibt.

Von Erich Hackl

Der 74-jährige kolumbianische Schriftsteller Darío Ruiz Gómez ist ein kluger Kopf und ein glänzender Erzähler. Dass er seine Ellbogen lieber zum Aufstützen als zum Vorwärtskommen verwendet, ist zwar seiner Reputation zuträglich, nicht aber der Verbreitung seines Werkes. Im Gespräch mit der kolumbianischen Autorin Consuelo Triviño Anzola hat er vor einiger Zeit auch eingeräumt, dass ihm nicht daran gelegen sei, im literarischen Tagesgeschäft präsent zu sein: «Die grösste Schwierigkeit hat für mich darin bestanden, gegen die versteckte Gewalt des Marketings anzukämpfen, das eine Literatur, die ihm nicht gehört, das heisst unsere literarische Tradition, mit Stumpf und Stiel auszurotten versucht – ein Ziel, das sich die an der Macht befindlichen Gruppen schon früher gesetzt haben. Sie unterdrückten und verschwiegen Autoren, deren Diskurse nicht in das uns aufgezwungene Projekt einer Gesellschaft gepasst haben.»

Funken der Hellsichtigkeit

Dieses Projekt läuft in Kolumbien, wie anderswo, unter dem Begriff der Modernisierung, die mit materiellem, nicht aber mit moralischem Fortschritt gleichgesetzt wird. Die damit einhergehenden ökonomischen Veränderungen haben, so Darío Ruiz Gómez, ein soziales Ungleichgewicht geschaffen, das von der Kulturindustrie verschleiert und als Erfolg ausgegeben wird. «Das industrielle Modell, das ab 1940 in die Praxis umgesetzt wurde, setzte das Vergessen des Landes voraus und förderte das rasante Wachstum der Städte, in denen die armen Schichten der Bevölkerung infolge von Arbeitslosigkeit ins Lumpenproletariat absanken. Auf dieses Reserveheer verzweifelter und bindungslos gewordener Stadtbewohner konnte der Drogenhandel zurückgreifen, der einen unerwarteten wirtschaftlichen Aufschwung bewirkte, zugleich aber das nationale Ordnungsgefüge radikal verändert und paradoxerweise den Beitritt des Landes zur globalisierten Welt bedeutet hat.»

Diese Entwicklung lässt sich in den Erzählungen von Ruiz Gómez (wie auch in seinen Essays) zum Wandel der Stadt Medellín ablesen, in der er seit seinem vierten Lebensjahr wohnt. Das heisst aber nicht, dass sie sich in soziografischen Mustern erschöpfen. Gómez erliegt nie der Faszination der allgegenwärtigen Gewalt, auch wenn er diese in ihren vielfältigen Erscheinungsformen beschreibt: versteckt unter dem Mantel des Gehorsams gegenüber den Eltern; als Rache eines Animiermädchens an einem Polizisten; im Schweigen einer Mittelstandsfamilie, deren Sommeridylle durch Ehebruch endet; in der Zerstörung eines Schulbusses durch die BewohnerInnen einer Elendssiedlung; im erzwungenen Verzicht einer Politikerwitwe auf den von ihrem Mann angehäuften Reichtum – und auch in der routinierten Grausamkeit eines Drogenhändlers.

Aber in jeder Geschichte blitzt ein Funke Mitleid, Hellsichtigkeit oder Selbstachtung auf. Deshalb wäre es falsch, Ruiz Gómez’ Erzählungen als trostlos zu bezeichnen. Die letzte Erzählung in diesem anspruchsvoll übersetzten Auswahlband aus 45 Jahren schildert die Begegnung zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann, der, noch unkundig in der Stadt, auf der Suche nach Verwandten die unsichtbare Grenze zu einem Viertel überschreitet, dessen mordgierige Hüter keine Fremden dulden. Indem ihn die Frau als ihren Sohn ausgibt, rettet sie ihm das Leben. Aber sie handelt nicht ohne Eigennutz: «Wenn du also weiterleben willst, musst du dich ab jetzt als mein Sohn ausgeben, musst mein Sohn sein – ein Geschenk des Himmels für mich.»

Erspüren der Nöte

Peter Schultze-Kraft, einer der fünf ÜbersetzerInnen dieses Erzählbandes, rühmt in seinem ebenso informativen wie emphatischen Nachwort Ruiz Gómez als ausserordentlich begabt darin, die Nöte und Träume seiner ProtagonistInnen «von innen heraus zu erspüren und zu vermitteln», egal ob es sich bei ihnen um «Hausfrauen, Arbeiter, Schuljungen, Drogenkuriere oder Mafiabosse» handelt. Mir aber will scheinen, dass die schönsten Geschichten im Band diejenigen sind, in denen Ruiz Gómez über die Armen schreibt. Er belässt – nein, er gibt ihnen ihre Würde zurück. Auch darin wird deutlich, wie sehr sich Ruiz Gómez dem von ihm kritisierten gesellschaftlichen Projekt und dessen literarischen Gefolgsleuten verweigert.

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