Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Mormonismus (konservativ)

Die US-republikanischen Vorwahlkämpfer sind höchst kreativ. Mitt Romney etwa kann aus einem reichen Fundus postmoderner Erkenntnis schöpfen.

Von Markus Spörndli

Die US-republikanischen Vorwahlen erscheinen auf den ersten Blick als Wettstreit um die erzkonservativste aller möglichen Positionen. Ein Wertestreit, bei dem die KandidatInnen tief in die Urschriften ihrer Religion greifen und dabei zu verblüffenden Interpretationen gelangen. Schon dies ist eher kreativ als konservativ. Ein paar gottverlassene VerschwörungstheoretikerInnen finden zwar, die Wertedebatte lenke von weltlichen Themen ab, die für die meisten AmerikanerInnen weit relevanter wären – und diene gerade dadurch der konservativen Agenda.

Doch beschränken wir uns auf die Fakten. Und räumen mit gleich mehreren Irrtümern auf: Gott ist nicht tot. Der Teufel auch nicht. Beide sind mehrheitlich in den USA zugange, speziell in den Schlafzimmern. Die grössten Irrtümer betreffen aber die MormonInnen, die erstmals gute Chancen auf einen eigenen Präsidentschaftskandidaten haben.

Faszinierend ist insbesondere das Rennen der beiden Spitzenkandidaten, die aus zwei Minderheitskirchen stammen. Mormone Mitt Romney führt zwar den Vorwahlkampf an, doch sein Verfolger Rick Santorum aus dem Rennstall des Katholizismus wird seine Poleposition im Werterennen kaum mehr abgeben: Stand- und bibelfest ist er gegen die Abtreibung nach Vergewaltigungen oder Inzest. Verhütungsmittel seien «eine Lizenz, Sachen im sexuellen Bereich zu machen, die man nicht machen sollte».

Die Konzentration auf das Triebleben ist nur logisch, liegt das Schlafzimmer doch exakt in der Mitte zwischen Himmel und Hölle. Denn der Teufel treibt sich ungehindert in den USA herum, wie Santorum einer Horde StudentInnen verriet: Durch die «grossen Sünden von Stolz, Eitelkeit und Sinneslust» untergrabe der Satan die Institutionen des Landes. Fühlte sich nicht mal die Republikanische Partei für das Demolieren staatlicher Institutionen zuständig? Noch ein Irrtum ausgeräumt.

Nun aber zu den vielen schweren Irrtümern betreffend das Mormonentum. Einige MainstreamchristInnen sprechen dieser Glaubensgemeinschaft gar die Zugehörigkeit zum Christentum ab. Dabei sind die MormonInnen überaus bibelfest und interessieren sich ebenso brennend für Christus, den ewigen Kampf zwischen Gott und Satan und die korrekten Sexualpraktiken. Dass Romney, ein ehemaliger Missionar und Mormonenbischof, diese Trümpfe bisher kaum ausspielt, ist sein Problem.

Was der Mormonismus dem gemeinen Christentum auf jeden Fall voraus hat, sind seine zwei Starpropheten. Joseph Smith, der erste offizielle Prophet, schrieb ab 1827 «Das Buch Mormon», quasi ein Sequel zur altehrwürdigen Bibel. Zwischen Neuem Testament und «Buch Mormon» liegt immerhin die Aufklärung. Und so verwundert es nicht, dass das Mormonendogma alles andere als konservativ ist, sondern höchst zukunftsgewandt, hippieverdächtig und postmodern.

Vom konservativen Mainstream wurden die MormonInnen unter Druck gesetzt, ihre göttliche Institution der Vielehe zu demolieren. Heute pflegen nur noch vereinzelte Splittergruppen diese demografisch bedenkenswerte Praxis, die als Vorläufer für die freie Liebe in Hippiekommunen gelten kann. Zugegebenermassen lag bei den Vorreitern die Freiheit etwas einseitig bei heterosexuellen weissen Männern.

Weiterhin pflegen darf die mormonische Kirche aber ihre den Trend der «Glokalisierung» vorwegnehmende Geschichtsschreibung: Der Garten Eden lag in den USA, Adams Nachkommen fuhren – infolge einer biblisch verbürgten Sintflut – mit der Arche Noah vom Mississippi bis in den Nahen Osten. «Dort», schreibt der zweite Starprophet, Brigham Young, «begann die menschliche Rasse, bei ihrem zweiten Start auf der Erde, sich zu vermehren und die Erde zu füllen.» Ein Teil dieser «Rasse» gelangte also wieder in die USA, wo sie nächstens das «Neue Jerusalem» errichten wird. Auch im Themengebiet des extraterrestrischen Lebens räumte Young mit Irrtümern auf (vgl. Zitat unten).

Ein Präsident Romney sollte solches Wissen nutzen, wenn es um Nasa-Programme oder die Nahostpolitik geht. Er würde so eine neue Mission der Aufklärung antreten. Vielleicht könnte er auch eine Frage beantworten, die auf http://mormon.org aufgeworfen wird: «Wie hilft uns das Treffen richtiger Entscheidungen, mehr richtige Entscheidungen zu treffen?»

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