Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Kamen nicht die Nazis aus Bayern?

Etrit Hasler darüber, was man trotzdem vom FC Basel lernen kann.

Und plötzlich war wieder alles, wie es sein sollte. Der FC Bayern München hatte gerade sein fünftes Tor geschossen, alle Träume waren geplatzt, als sich der Typ in der Bar umdrehte und laut ausrief: «Ich hab doch schon immer gesagt, dass die Basler Scheisse sind.» Natürlich war so etwas zu erwarten gewesen – es war mir ja selbst schon unheimlich gewesen, wie viele Leute auf das Champions-League-Hinspiel hin plötzlich FC-Basel-Fans geworden waren.

Es war ja auch leicht gefallen: Wer ist schon nicht gegen Bayern? Dieser grosse Moloch aus dem grossen bösen Nachbarland? Der nur aus Kommerz besteht und gegen den sogar die total unkommerzielle Punkpopband Die Toten Hosen einen Song geschrieben hat? Ja, waren denn nicht sogar die Nazis damals aus Bayern gekommen? Soso. Mit diesen und ähnlichen Argumenten hatten Windfahnenfans in den letzten Wochen gerechtfertigt, wieso sie nach jahrelangem Basel-Hass plötzlich auch komplett auf Beni Huggel und Marco Streller und sogar – man mochte es kaum fassen – Alex Frei standen. Auch der ausländerfeindlichste Auf-den-Stammtisch-Hauer fand den Shakiri plötzlich «uuuh super» und so was von anständig und fleissig und freundlich, eben all die Dinge, die diese Albaner sonst ja grundsätzlich nicht sind.

Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich gehörte auch dazu. Also nicht zu den Stammtischhauern, immerhin teile ich mir die Herkunft hälftig mit dem Mann, dessen Namen die ganze Schweiz falsch ausspricht. Aber ich habe in jeder Meisterschaft der letzten paar Jahre, die erst im letzten Spiel entschieden wurde, immer den Gegnern von Basel die Daumen gedrückt. Erst noch aus Überzeugung (Basel war einfach pfui) und dann irgendwann einfach aus reflexartiger Sympathie für den «Kleinen» («Aber es wäre doch einfach so schön, wenn auch YB einmal Meister würde!»). Nun, ans Verlieren habe ich mich schon längst gewöhnt, immerhin bin ich Sozialdemokrat, und ich ziehe immer noch aus Prinzip den Underdog vor – was aber nicht heisst, dass ich nicht lernfähig bin.

Dafür brauchte es auch nicht erst einen Sieg über Manchester United. Der FC Basel ist im kuriosen, verfilzten, Zu-dumm-um-korrupt-zu-sein-Chaos der Schweizer Fussballliga die grosse stabile Insel. Wenn bei einem Zürcher Stadtderby ein paar Pyros gezündet werden und die halbe Schweiz den Verstand verliert und angeführt von Propagandapopulisten nach nutzlosen Massnahmen schreit, wenn also Karin Keller-Sutter, Dölf Früh und Gerold Lauber voll in ihrem Element sind, so ist es meist die Stimme aus der wahren Schweizer Hauptstadt im Nordwesten, jene von FCB-Präsident Bernhard Heusler, die als einzige noch so klingt, als habe da jemand das Hirn eingeschaltet, bevor er mit dem Reden beginnt.

Und, ja, sogar die Spieler sind mir ans Herz gewachsen. Nicht nur Stolper-Strelli, Neandertaler-Huggel, sogar Alex «das sehr schnell beleidigte Lama» Frei – auch bekannt als das antimediale Trio. Nein, es ist vor allem die neue Generation um Valentin Stocker, Granit Xhaka und natürlich den vielleicht besten Schweizer Torhüter dieser Generation, Yann Sommer, bei deren Anblick mir klar wird, dass es in den nächsten paar Jahren in der Schweiz keinen ernsthaften Anwärter gibt auf irgendeinen Titel – ausser vielleicht Christian Constantin.

Zurück zum Anfang. Es war also alles wieder normal an jenem Mittwochabend. Die Welt und der Sport waren ungerecht, die Fifa ein korrupter Sauhaufen (immerhin hatte sie gerade der US-Nationaltorhüterin Hope Solo verboten, in einer Männermannschaft mitzuspielen), Basel und Bayern waren beide wieder böse, und die Windfahnenfans waren besoffen. Es war also alles wie immer. Ausser, dass ich wusste: Man muss sich nicht ans Verlieren gewöhnen. Nicht einmal als Sozialdemokrat. Das hatte ich von Ständerat Paul Rechsteiner gelernt. Und von Frau Kantonsrätin Bettina Surber. Und eben vom FC Basel.

Etrit Hasler hat sich gerade ans Gewinnen gewöhnt. Das ist als Sozialdemokrat im Kanton St. Gallen derzeit anscheinend in Mode.

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