Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Gnadenlos ausgeleuchtet, kommentarlos ausgeblendet

Der Holcim-Konzern feiert seinen 100. Geburtstag mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Bern – und stellt damit dessen Unabhängigkeit als öffentliches Kulturinstitut infrage.

Von Edith Krebs

Wer dieser Tage das Kunstmuseum Bern betritt, wird sich erst einmal wundern. In der Eingangshalle empfängt eine Videoinstallation mit wechselnden Porträts die BesucherInnen. Wer sind diese Menschen, die man leider nicht sprechen hört? Erst im Obergeschoss erfährt man im Begleitblatt zur Ausstellung «Industrious», dass hier das hundertjährige Bestehen des weltweit grössten Baustoffproduzenten Holcim gefeiert wird. Dazu hat das Unternehmen drei Fotografen eingeladen, seine Fabrikanlagen sowie die MitarbeiterInnen des Konzerns zu porträtieren. Der schwergewichtige Bildband soll den rund 80 000 Angestellten der Firma als Geschenk überreicht werden.

Schnelligkeit als Markenzeichen

Geradezu pathetisch mutet der Ausstellungsauftakt an: Eine riesige, leicht blässliche Ansicht einer Holcim-Fabrikanlage in Indien («Wade I», 2011) wird eindrucksvoll gerahmt von überlebensgrossen Porträts von zwei behelmten Arbeitern. In stoischer Haltung aufgenommen, jedes Härchen, jede Falte, jeder Fleck auf der Kleidung gnadenlos ausgeleuchtet, erinnern diese Bilder in hartem Schwarz-Weiss an das klassische Arbeiterporträt der sozialkritischen Reportagefotografie. Doch anders als bei dieser fehlt die Umgebung, in der die Arbeiter tätig sind. Der in New York als Porträt- und Modefotograf tätige Schweizer Marco Grob hat es vorgezogen, sie vor einem vollkommen neutralen weissen Hintergrund abzulichten. Zwischen zwei und fünfzehn Minuten pro Porträt nahm er sich Zeit, Schnelligkeit gilt als eines seiner Markenzeichen.

Als «distanzierte Beobachter», als «Besucher einer fremden Welt» – so der Begleittext – nähert sich auch das auf Architekturfotografie spezialisierte Berliner Duo David Hiepler und Fritz Brunier ihren Motiven, den über die ganze Welt verteilten Produktionsstätten von Holcim. Oft scheint sie das Atmosphärisch-Dunstige der Landschaft mehr zu interessieren als die industriellen Anlagen, so etwa bei der Aufnahme «Wuxue I, China» (2011), die einen an einem grossen Strom gelegenen Hafen zeigt. In Kontrast zu dieser künstlerisch anmutenden Bildsprache steht eine Reihe von glasklaren Nahaufnahmen von Fabrikanlagen, die sich stilistisch an der klassischen Industriefotografie orientieren.

Hiepler/Brunier und Marco Grob sind in der Auftragsfotografie zu Hause. Wie, so mag man sich fragen, kommt eine solche Ausstellung ins Kunstmuseum Bern? Die Antwort ist verblüffend einfach: Die Firma Holcim hat sich hier gelegentlich als Sponsorin engagiert, so etwa 2005 bei der Ausstellung «Mahjong», die chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg zeigte, oder bei «Horn Lease», einer Ausstellung mit zeitgenössischer indischer Kunst im Jahr 2008. Und so kam es, dass Holcim mit der Bitte an das Museum herangetreten ist, ihr Jubiläumsprojekt in den Museumsräumen präsentieren zu dürfen.

Es wäre für das Museum ein Leichtes gewesen, eine solche Anfrage abschlägig zu beantworten, läuft sie doch allen Gepflogenheiten der Branche zuwider. Normalerweise sehen Sponsoringverträge vor, dass in den Drucksachen zur Ausstellung das Firmenlogo erscheint und die Museumsräume für Geschäftsanlässe genutzt werden dürfen. Ausdrücklich ausgenommen ist jedoch eine Einflussnahme auf das Ausstellungsprogramm. Offenbar hat es das Museum vorgezogen, seinem Sponsor eine Gefälligkeit zu erweisen. Verlockend mag auch die Aussicht gewesen sein, so zu einer Ausstellung zu kommen, die das Museumsbudget kaum belastet.

Aktivistischer Aufruf

Verschärft wird die Problematik dieser ungewöhnlich engen «Zusammenarbeit» zwischen dem Kunstmuseum Bern und der Zementfirma dadurch, dass die Firma Eternit Schweiz AG von 1989 bis 2003 zur Holcim-Gruppe gehörte. Deren ehemaliger Verwaltungsratspräsident Stephan Schmidheiny, Bruder des grössten Einzelaktionärs der Firma Holcim, wurde unlängst in Italien zu sechzehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er gemäss dem Turiner Strafgericht für die asbestbedingten Todesfälle von Eternit-Mitarbeitenden verantwortlich ist. An der Vernissage von «Industrious» hatte ein Berner Aktivist auf diesen Zusammenhang hingewiesen und ein «Mahnmal für Asbestopfer» gefordert. Eine heftige Debatte in den Berner Zeitungen folgte.

Holcim präsentiert sich gerne als Vorzeigeunternehmen mit «höchsten ethischen Standards», wird diesem Anspruch aber nicht immer gerecht. So hat erst kürzlich eine indische Gewerkschaft für Leiharbeiter in der Zementindustrie eine OECD-Beschwerde eingereicht, weil Holcim die Gewerkschaftsrechte missachte und die Mindestlöhne nicht einhalte. Im November 2011 geriet Holcim Brasilien wegen Verdachts auf Preisabsprachen in die Schlagzeilen. Auch in den USA ist Holcim mit Klagen wegen Verstössen gegen Umweltgesetze konfrontiert.

Imagepflege für umstrittene Firma

Es zeugt von wenig Sensibilität vonseiten der Museumsdirektion, wenn all diese Hintergründe kommentarlos ausgeblendet werden. Insbesondere die heroischen Arbeiterporträts von Marco Grob wirken in diesem Zusammenhang beinahe zynisch.

Mag der Museumsdirektor Matthias Frehner noch so sehr den künstlerischen Wert der ausgestellten Fotografien betonen, seine Argumentation geht am Kern der Problematik vorbei: Ganz ungeniert instrumentalisiert hier ein Sponsor das Museum als Jubiläumsplattform und zur Imagepflege für seine nicht ganz unumstrittene Firma – und stellt damit die Unabhängigkeit einer von der öffentlichen Hand subventionierten Kunstinstitution infrage.

«Industrious. Marco Grob & hiepler, brunier» 
in: Bern Kunstmuseum, bis 6. Mai 2012. 
www.kunstmuseumbern.ch

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