Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Das Tier in mir

Nicole Ziegler über gottloses Sammelfieber.

«Mamiiiii, sie hat den Löwen drei Mal und will ihn nicht geben!» Der kleine Schreihals zeigt mit dem Zeigefinger auf ein Mädchen, das mit verschränkten Armen, verkniffenem Mund und bebenden Nasenflügeln neben ihm steht. Das Mami geht auf die beiden zu, schiebt ihren schreienden Sprössling hinter ihre Beine und sagt zu dem Mädchen: «Los, gib schon einen Löwen her – du kannst dafür zwei Kapuzineräffchen haben.» Das Mädchen rührt sich nicht. «Gib schon her, was nützen dir drei Löwen, gib her.» Pause. «Gib her, gopfertammi!»

Das Mami ist wütend. Das sehe ich. Und das sehen andere auch. Das Mami des verstockten Mädchens sieht es auch und kommt mit schnellem Schritt dazu. «Was ist denn, was schreien Sie meine Tochter so an?» – «Die gibt ihre Löwen nicht her!» – «Na und, muss sie ja nicht! – «Was nützen ihr drei davon, und mein Kleiner hat noch keinen!» – «Das ist ja nicht meine Schuld, was bilden Sie sich ein!» Der kleine Junge schaut hinter den Beinen seines Mamis hervor zum Mädchen, das ihm sofort die Zunge herausstreckt. Jetzt sehe ich erst, dass er als Löwe verkleidet ist. Das Mädchen sieht das auch und zieht den Jungen am Löwenschwanz, so fest, dass es ein Loch gibt, dort, wo er befestigt ist. Bevor der Junge wieder zu schreien anfängt, wird das Mädchen von seinem Mami an der Hand gepackt und weggerissen. «Wir gehen jetzt, das ist ja unglaublich, wie sich diese Frau benimmt.»

Das Mami und das Mädchen drängen sich durch die Hunderte von Mamis und Kindern, die sich mittlerweile angesammelt haben, nach draussen. Jetzt erst sehe ich das grosse Plakat, das von der Migros-Decke baumelt: «Animanca-Tauschbörse – Entdecke die Tiere in dir». Der kleine Löwe von vorher schreit jetzt wieder, und ich sehe ganz viele andere Kinder, die in irgendwelche Plüschfelle gesteckt diese Steine tauschen, von denen ich noch nie einen in der Hand gehabt habe. Die Augen der Kinder leuchten, sie werden zu Augen von Nachteulen, zu Glühwürmchen, und darin spiegelt sich tausendfach das orangefarbene M. «Zeig mal, was hast denn du da?» Ich bücke mich zu einem undefinierbaren Kindertier und schaue auf den Stein, den es in der Hand hält. Ich kann das Tier auf dem Stein nicht erkennen, aber es erinnert mich an eine Höhlenzeichnung, und ich finde es schön. «Wo ist denn deine Mami?», frage ich das Kindertier. Es schaut sich um und sagt: «Mami? Mami?! Maaamiiiii!»

Bevor es wegrennt, nehme ich ihm den Stein aus der Hand, er fühlt sich fein und geschmeidig an, und ich spüre, wie von ganz tief unten in meinem Bauch ein animalisches Gefühl aufsteigt. Ein Gefühl, als wäre ich ein gottloses Warzenschwein.

Nicole Ziegler lebt in Bern, hat eine Katze 
und will eigentlich kein Tier sein.

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