Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Der revolutionäre General

Von Brigitte Matern

«Sei endlich einmal etwas weniger gewissenhaft deinen eignen Sachen gegenüber (…). Dass das Ding geschrieben wird und erscheint, ist die Hauptsache; die Schwächen, die dir auffallen, finden die Esel doch nicht heraus», trieb er 1860 einen Freund im englischen Exil an. Dabei war er selbst immer äusserst gewissenhaft und penibel, wenn ihn etwas interessierte. Und weil das viel war – Philosophie, Geschichte, Sprachen, Naturwissenschaften, Wirtschaft, sogar Seefahrt und Geburtshilfe –, traf auch ihn gelegentlich der Vorwurf, sich zu «zersplittern» und nicht «für die Welt» zu arbeiten.

Studiert hatte der 1820 in Barmen geborene Fabrikantensohn nicht. Noch vor dem Abitur war er von der Schule genommen worden, um in Bremen und Manchester eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren; dort, so hoffte der Vater, würden die humanitären Flausen schon verfliegen. Doch das vorrevolutionäre Fieber hatte den intelligenten Sprössling bereits gepackt, und der Anschauungsunterricht in den englischen Fabriken erschütterte ihn derart, dass er über die Lage der ArbeiterInnen zu schreiben begann.

Mit 24 lernte er in Paris dann jenen Freund kennen, mit dem sich eine fruchtbare wissenschaftliche Zusammenarbeit entspann, an deren Ende ein über vierzigbändiges Gesamtwerk stand. Zunächst aber agitierten und publizierten die beiden für den bevorstehenden proletarischen Umsturz. 1847 gelang es ihnen, einen Bund zu schmieden, für den sie ein noch heute berühmtes Programm verfassten. Als die Revolution scheiterte und sein geistiger Zwilling ins Exil getrieben wurde, sorgte der Prokurist und spätere Teilhaber einer Baumwollspinnerei dafür, dass dem mit Schreiben beschäftigten Habenichts samt Familie nie das Kapital ausging.

Mit 74 starb der international hochgeachtete Sozialist an Krebs; seine Asche wurde dem Ärmelkanal übergeben. Wer war der Mäzen, der auch über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen philosophierte und dessen militärstrategisches Wissen ihm den Übernamen «General» bescherte?

Auflösung: Wir fragten nach dem Gesellschaftstheoretiker, Revolutionär und Publizisten Friedrich Engels (1820–1895). Sein Freund war Karl Marx, «das Ding», das dieser endlich schreiben sollte, der erste Band des «Kapitals». Das Programm, das beide im Auftrag des Bundes der Kommunisten entwarfen, ist «Das Manifest der Kommunistischen Partei». Engels’ Arbeiten «Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie» (1844) und «Die Lage der arbeitenden Klasse in England» (1845) veranlassten Marx, sich der politischen Ökonomie zuzuwenden. Engels’ militärische Kenntnisse waren nicht nur theoretisch: 1849 kämpfte er als Adjutant in der badischen Revolutionsarmee gegen Preussen.

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