Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Ein goldenes Zeitalter – mit vergiftetem Wasser

Polen setzt auf den Abbau von schwer zugänglichem Erdgas und vergibt Konzessionen an multinationale Konzerne. Die Regierung ignoriert dabei die Proteste der Landbevölkerung und die internationalen Vorbehalte.

Von Jens Mattern, Warschau

Eine Gruppe von EinwohnerInnen aus dem Weiler Miszewo marschiert vor dem Erdgasfeld mit dem Bohrturm auf. Darunter auch Szczepan und Teresa Jacubiak, deren Hof an das Bohrgrundstück grenzt. Die Protestierenden ärgern sich darüber, wie die Entscheidung für die anstehenden Probebohrungen zustande kam. Die Gemeinde Trzebielino, die für die Bohrerlaubnis 30 000  Zloty (umgerechnet 8770 Franken) bekommen hatte, entschied von oben herab. «Demokratie ist heute, wenn man etwas sagen darf, aber keinen Einfluss hat», meint Szczepan Jacubiak.

Den 61-jährigen Bauern beunruhigen vor allem die Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden – zwanzig Tonnen sollen es allein in Miszewo sein. «Unser Wasser, unser Getreide wird bald vergiftet sein; vielleicht werden wir krank», fürchtet Jacubiak.

Gaseuphorie mit Regeln

Der Weiler in Pommern ist weit weg von der Warschauer Universitätsbibliothek, Symbol des gelehrten, fortschrittlichen Polens. Dort wurde letzte Woche das «goldene Zeitalter des unkonventionellen Erdgases» eingeläutet. Dieses habe im Jahr 2000 gerade mal fünf Prozent der gesamten Erdgasmenge ausgemacht. «Heute sind es schon fünfzehn Prozent», sagte Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), «und im Jahre 2035 werden es 24 Prozent sein.»

Unkonventionelles Erdgas (vgl. weiter unten: «Unkonventionell und toxisch») wird aus schwer zugänglichen Erdschichten gefördert, das sogenannte Schiefergas etwa aus Tongesteinen. Gemäss Birol ist dieser neue Energieträger unaufhaltsam auf dem Vormarsch – dank seiner Effizienz und seiner Umwelt- und Klimafreundlichkeit und nicht zuletzt dank steigender Ölpreise.

Das kommende «goldene Zeitalter» brauche jedoch «goldene Regeln». Birol skizzierte solche Regeln in einem Workshop, zusammen mit dem polnischen Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak, mit VertreterInnen der mexikanischen und australischen Regierungen sowie der Mineralölbranche. Nach ihrer Bekanntmachung Ende Mai werden die «goldenen Regeln» im November im «World Energy Outlook 2012» publiziert, einer jährlichen IEA-Broschüre zur globalen Energieversorgung. Vor allem aber sollte die Veranstaltung in Warschau die Vernetzung zwischen Explorationsländern und der Industrie im Bereich des unkonventionellen Erdgases fördern.

So ist auch in Polen die Euphorie gross, denn das Land beherbergt Europas grösstes Schiefergasvorkommen. 5,3 Billionen Kubikmeter sollen in fast fünf Kilometern Tiefe in einem langen Streifen lagern, der sich diagonal durch Polen zieht – vom Danziger Raum über Warschau bis zur südöstlichen Ecke des Landes. Dies ist jedenfalls die Einschätzung der amerikanischen Energy Information Administration (EIA).

PolitikerInnen fast aller Couleur hoffen nun auf ein «geopolitisch goldenes Zeitalter». Falls Polen den Schritt schafft, von einem Gasimporteur zu einem -exporteur zu werden, dann liesse sich eine weitgehende Unabhängigkeit von Russland umsetzen. Diesem lang gehegten Ziel ist Warschau dank freier Wahlen, den Beitritten zur Nato und zur Europäischen Union (EU) militärisch wie politisch näher gekommen. Doch im Energiebereich ist das Land noch immer eng an Moskau gebunden.

Derzeit führt Polen rund zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas ein – und ist ein Grossabnehmer des kremlnahen Energiekonzerns Gazprom. Der Preis des russischen Gases ist jedoch mit 500 US-Dollar pro tausend Kubikmeter weit höher als der Weltmarktpreis: An der New Yorker Börse liegt der Preis bei knapp 86 US-Dollar. Gazprom nennt Polens Schiefergashoffnungen übrigens eine «Illusion».

Eigentlich ist Polen energiepolitisch relativ autonom. Rund neunzig Prozent der Stromerzeugung des Landes stammen aus eigenen Kohlevorkommen. Doch unter dem Druck der EU muss das mitteleuropäische Land seine CO2-Emissionen drosseln. Massnahmen dafür sieht Warschau in einem neuen Flüssiggashafen (wodurch Polen mehr Erdgas importieren kann) und im ersten Atomkraftwerk des Landes, das im Jahr 2020 ans Netz soll.

Probebohrungen und Proteste

Eine schnellere Lösung verspricht das Schiefergas – Ministerpräsident Donald Tusk will ab 2014 mit der Förderung beginnen. Damit steht Warschau jedoch eine neue Abhängigkeit ins Haus – vom Know-how der US-amerikanisch dominierten internationalen Mineralölfirmen. In den USA wird Schiefergas schon seit zwanzig Jahren in grossem Stil gefördert. Und so nimmt Präsident Barack Obama das neue Exportpotenzial in Europa und speziell in Polen offenbar ernst: Mitten in der Wahlkampfphase hat er auf den Juni ein Schiefergastreffen mit dem polnischen Ministerpräsidenten angesetzt.

Über 110 Konzessionen für Probegasbohrungen hat das polnische Umweltministerium bereits vergeben, hauptsächlich an multinationale Energiekonzerne wie Chevron, Exxon Mobil und ConocoPhillips, aber auch an den halbstaatlichen polnischen Energiekonzern und Gasversorger PGNiG.

Die Probebohrungen finden seit knapp einem Jahr im ländlichen Raum statt und stossen bei der betroffenen Bevölkerung immer wieder auf Widerstand. Zum Beispiel im Weiler Miszewo. Er gehört zur Gemeinde Trzebielino und liegt etwa hundert Kilometer westlich von Danzig. Hier gibt es neben den wenigen Häuschen an der Landstrasse vor allem Felder und Wälder; die EinwohnerInnen leben von Land- und Forstwirtschaft und etwas Tourismus.

Im Dezember kündigten die Gemeindebehörden per Plakat an der Bushaltestelle eine Versammlung an. Dort wurden die AnwohnerInnen von IngenieurInnen des US-amerikanischen Konzerns BNK Petroleum vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Kinder erhielten ein paar Süssigkeiten und eine Verkehrsschulung – denn schon ein paar Tage später rauschten Schwertransporter durch das zuvor beschauliche Örtchen.

Pani Wiola, die mit ihrem Mann im Weiler ein Grundstück gekauft hatte und auf Agrartourismus mit Schafen setzt, fürchtet um ihre Existenz, wenn bald Umweltschäden und Krach am Bohrplatz auftreten. «Die Siedlung ist geteilt», versucht hingegen Halina Drobynska eine neutrale Haltung einzunehmen. Sie ist die Schultheissin und damit Dorfoberhaupt. Sie selbst ist nur mässig vom Vorhaben überzeugt – im Gegensatz zu ihrem technikgläubigeren Mann, der hofft, dass die Gegend nun endlich «nach vorne kommt».

Genau das versichert BNK Petroleum. Einer seiner US-amerikanischen Ingenieure betont vor der Bohrstelle, dass der Energiekonzern in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung stehe, dass Arbeitsplätze geschaffen und die Umwelt geschont würden. Weiteren Fragen wollte sich das Unternehmen aber trotz mehrmaligen Nachhakens nicht stellen.

Lernen von den USA

Dank Internet macht sogar im abgelegenen Miszewo ein kritischer US-amerikanischer Dokumentarfilm die Runde: «Gasland» (2010) zeigt die Umweltschäden, die der Schiefergasabbau in den USA mit sich brachte. Breites Aufsehen erregte die Sequenz, in der demonstriert wird, dass entweichendes Gas selbst in die Wasserhähne von Wohnhäusern gelangt – das Wasser-Gas-Gemisch lässt sich gar anzünden. Noch schwerer wiegt jedoch der Nachweis von Benzol im Wasser, einem hochgradig krebserregenden Kohlenwasserstoff.

Der Film sorgte in den USA für vermehrten Widerstand gegen die Schiefergasindustrie. Ihr werden massive Umweltschäden angelastet, insbesondere die mehrjährige Verseuchung des Grundwassers. Mittlerweile hat der Bundesstaat New York den Schiefergasabbau grundsätzlich verboten, in Kanada tat dies die Provinz Quebec.

Die Mineralölindustrie reagierte mit einer massiven Gegenkampagne. Sie argumentiert, dass sich das Grundwasser meist nur 100 bis 300 Meter unter der Erdoberfläche befinde, während die Chemikalien mehrere Kilometer tiefer eingepumpt würden. US-UmweltschützerInnen sehen das Problem hingegen bei Leitungslecks und nicht gründlich entsorgtem «Lagerstättenwasser» – Wasser, das aus den Bohröffnungen wieder zurückgepumpt werden muss.

Der brennende Wasserhahn aus dem Film «Gasland» hat es zwar in die polnischen Nachrichtensendungen geschafft. Doch eine breite öffentliche Diskussion habe dies nicht ausgelöst, sagt der Umweltschützer und Ökologe Marek Kryda: «Die Regionalzeitungen halten sich bei der Berichterstattung sehr zurück, einstige Gegner der Bohrungen verstummen plötzlich.»

Um widerspenstige Gemeinden zu entmachten, die Gasbohrungen nicht genehmigen wollen, hat die polnische Regierung im Februar die Kompetenz für die Bohrgenehmigung an die Wojewodschaften (vergleichbar mit Kantonen) verschoben. Sie können von der nationalen Regierung leichter kontrolliert werden. Auch den DirektorInnen der Landschaftsschutzparks wurden 2010 vorsorglich Kompetenzen entzogen, um dort Bohrungen möglich zu machen.

Anfang März will das staatliche Geologische Institut festgestellt haben, dass eine Probebohrung bei Lebien in Nordpolen zu keinen Gas- und Chemikalienrückständen im Wasser, Boden oder in der Luft führte. Das Institut steht unter dem Druck der Regierung, gleichzeitig will es neutral erscheinen. Allerdings schlägt Pawel Poprawa, der Schiefergasexperte des Instituts, gegenüber der WOZ auch kritische Töne an: Die Wirtschaftlichkeit der Schiefergasförderung sei nicht erwiesen. Denn es könnten nur zehn bis zwanzig Prozent der Ressource abgebaut werden, in einer herkömmlichen Erdgaslagerstätte hingegen achtzig Prozent.

Gespaltenes Europa

In Europa ist man zum Thema «unkonventionelles Erdgas» geteilter Meinung. In Deutschland, Schweden, den Niederlanden, Britannien und Irland finden derzeit Probebohrungen statt. In der Schweiz hat der Kanton Freiburg letzten April jegliche Suche nach Schiefergas ausgesetzt, um sich auf erneuerbare Energien zu konzentrieren. Und Österreich wartet noch auf ökologisch verträglichere Verfahren.

Ein totales Förderverbot hat sich Frankreich auferlegt – das Land mit den wohl zweitgrössten Schiefergasvorkommen Europas. Paris macht sich in Brüssel für ein EU-weites Verbot stark. Das «Bohrfeld Polen» steht derzeit also im Blickfeld Washingtons, Moskaus und Brüssels.

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