Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

«Ich bin kein Spekulant»

Die ValserInnen verkaufen ihre Therme an Immobilienunternehmer Remo Stoffel. Walter Gartmann, der den Gegenvorschlag von Peter Zumthor unterstützt hat, ist froh, dass endlich eine Entscheidung gefallen ist.

Von Franziska Meister

Ein Auftritt, nach dem man sich die Augen reibt: Kaum hat die Gemeindepräsidentin die Versammlung verabschiedet, greift Remo Stoffel, an den Vals vor wenigen Minuten Bad und Hotel Therme für knapp acht Millionen Franken verkauft hat, zum Mikrofon. Die TV-Kameras schwenken synchron wie in einem Ballett zurück vom Saal auf Stoffel, der nach kurzem Dank unvermittelt diesen Satz sagt: «Ich verbitte mir die Unterstellung, ich sei ein Spekulant.»

Nach dem Entscheid der ValserInnen vom 9. März steht aber genau diese Frage im Zentrum: Was ist dran an den diversen laufenden Untersuchungen und Strafverfahren gegen den 35-Jährigen, der sich innert weniger Jahre zum Immobilientycoon mit einem Liegenschaftenimperium im Wert von über 500 Millionen Franken entwickelt hat? Es geht dabei um vermuteten Steuerbetrug in der Höhe von über 150 Millionen Franken, um Vermögens- und Urkundendelikte in verschiedenen Kantonen.

Bis zum Entscheid an der Gemeindeversammlung konkurrierten die IG Therme um Architekt Peter Zumthor mit Remo Stoffels Stoffelpart AG um den Ausbau des Thermenhotels. Während Zumthor das Hotel abreissen und seine Gesamtvision von Bad und Hotel realisieren wollte, setzte Stoffel auf Sanierung und Erweiterung. Im Dorf wallten die Emotionen hoch.

Der verstossene Architekt

Das Schicksal der ValserInnen ist eng mit Bad und Hotel Therme verknüpft. Die 1996 eröffnete Felsentherme hat Zumthor zu Weltruhm verholfen und das abgelegene Dorf zum Tourismusmagneten gemacht. «Mit dem Hotelbetrieb sind viele Arbeitsplätze verknüpft», sagt Lehrer Walter Gartmann, der seit vierzig Jahren in Vals unterrichtet. Zugleich ist der Thermenbetrieb für die Gemeinde als Besitzerin zunehmend zum Klumpfuss geworden: Das Hotel ist sanierungsbedürftig und soll ausgebaut werden. Doch der Gemeinde fehlt das Geld. Deshalb, so Gartmann, habe für viele eines Priorität: «Die Therme muss weg von der Gemeinde.»

Freitagabend, 19.30 Uhr: Walter Gartmann und seine Frau sitzen bereits eine Stunde vor Beginn der Gemeindeversammlung in einer der vordersten Stuhlreihen. Der Lehrer wirkt angespannt. «Den ganzen Tag über habe ich SMS erhalten: ‹Für die Jugend – für Stoffelpart›.»

Peter Zumthor ist bereits einmal aus dem Dorf verstossen worden. Im April 2009 kündigte der Verwaltungsrat der gemeindeeigenen Hotel und Thermalbad Vals AG Zumthors Verträge zum geplanten Hotelausbau. Der Architekt überwarf sich mit Pius Truffer, Steinbruchunternehmer und Lieferant der Quarzitplatten für den Bau der Felsentherme, verbleibender Hoteldirektor und Verwaltungsratspräsident. Streitpunkt: die Hotelführung. Pius Truffer ist ein mächtiger Mann in Vals. Er zieht auch die Fäden hinter der Pro-Stoffelpart-Kampagne. «Truffer hat ein enormes Beziehungsnetz», sagt Gartmann, «und er ist ein Demagoge: Er kann die Leute begeistern und hat es geschafft, die Jungen vor seinen Karren zu spannen.»

Zehn nach acht, der Saal ist voll. Ein kleiner Mann mit grosser Brille im bleichen Gesicht hat sich zur langen Tischreihe vorgearbeitet, an der bereits einige Gemeinderäte sitzen: Remo Stoffel. Kaum jemand nimmt Notiz von ihm.

Um 20.30 Uhr eröffnet Gemeindepräsidentin Margrit Walker-Tönz die Versammlung. Zuerst die StimmenzählerInnen: Auch Walter Gartmanns Name fällt. Wer hier vorgeschlagen wird, hat sich in der Gemeinde verdient gemacht. Walker-Tönz erklärt das Prozedere. «In ihrer Haut möchte ich nicht stecken», hat Gartmann am Vorabend gesagt. Auch die Gemeindepräsidentin ist tief in die Konflikte rund um das Hotel verstrickt. Im Januar 2010 hatte sie die Abwahl des Verwaltungsrats durchgeboxt – mit nicht ganz korrekten Mitteln, wie ein Bericht der Geschäftsprüfungskommission vier Monate später offenlegte. Truffer, der Ende 2009 bereits seinen Direktionsposten hatte räumen müssen, forderte – erfolglos – ihren Rücktritt. «Die Gemeindepräsidentin ist eine enorm starke Frau», sagt Gartmann. «Ihr Entscheid damals war, um es neutral zu formulieren, sehr, sehr mutig.»

Zweifel an Stoffels Kreditwürdigkeit

Der Gemeinderat empfiehlt in seiner Abstimmungsbroschüre die Offerte der IG Therme zur Annahme. Vor wenigen Tagen hat auch der Verwaltungsrat eine Broschüre an alle Haushalte verschickt, in der er die Stoffelpart-Offerte unterstützt. «Dass die der Gemeindepräsidentin so in den Rücken fallen, ist fragwürdig», sagt Gartmann am Vorabend der Abstimmung. «Immerhin hat sie den neuen Verwaltungsrat eingesetzt, und die Gemeinde ist immer noch Besitzerin von Therme und Hotel.» Dass Verwaltungsrat und Stoffel seit dessen überraschendem Übernahmeangebot im September 2011 eng zusammenarbeiten, ist ein offenes Geheimnis.

Verschiedene Leute in Vals und zwei SP-Grossräte haben seither eine externe Prüfung von Stoffels Bonität gefordert. In seinem Plädoyer vor versammelter Gemeinde dreht Stoffel den Spiess um, bezeichnet sich als «Opfer von Verleumdungskampagnen» und sagt: «Ich darf mit Stolz sagen, dass ich bis heute noch keinen Zivil- oder Strafprozess verloren habe.» Ansonsten übt er sich in Bescheidenheit, spricht von seiner glücklichen Kindheit in Vals, davon, dass er jetzt in sein Dorf zurückkehren wolle, «um hier zu bleiben, ein Haus zu bauen». Er wendet sich gegen «schwarz gekleidete Architekturfans», wie sie Zumthors IG Therme anziehen würde, und befindet «fremde Leute» als «ein zu grosses Risiko» für eine Zusammenarbeit.

«Diese Rede war eindrücklich, Stoffel hat sie gut eingeübt», wird Lehrer Gartmann später sagen. «Aber sein Stil ist das nicht; der Text stammt eher aus der Feder von Pius Truffer.» Weit weniger gut orchestriert die IG Therme Vals ihren Auftritt an der Gemeindeversammlung: Sie präsentiert Details der Offerte, überzieht dabei die vorgegebenen zwanzig Minuten Redezeit. «Diese Zahlenschlacht hat wirklich niemanden mehr interessiert», so Gartmann. Im Saal wird es unruhig, einzelne rufen «Stopp!», und als Zumthor zum Mikrofon greift, schlägt ihm ein «Fertig jetzt!» entgegen.

Offene Zweifel an Stoffels Kreditwürdigkeit äussert am ganzen Abend nur ein einziger Votant: Die Stoffelpart AG verfüge über ein Aktienkapital von nur 100 000 Franken, und laut Wirtschaftsinformationsdienst Teledata sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es bei Stoffelpart innerhalb der nächsten zwölf Monate zu einem Zahlungsausfall komme.

Es ist 22.35 Uhr, als Pius Truffer zum Mikrofon greift: Stoffel könne den Hotelausbau ohne Probleme aus der eigenen Tasche finanzieren. «Wir schaffen das», sagt wenig später ein anderer, «und zwar mit einem Einheimischen.» Andere doppeln nach: «Wir kennen unsern Mann, er ist ein Valser.» Plötzlich ist Vertrauen das grosse Thema. Auf beiden Seiten. Auch Walter Gartmann hat am Vorabend gesagt: «Ich habe meinen Entscheid zugunsten der IG Therme aus grundsätzlichen Überlegungen heraus getroffen. Mir geht es um das Vertrauen in die Leute, die hinter dem Projekt stehen.»

«Das war ein Geniestreich»

In den letzten Wochen haben Stoffelpart und die IG Therme beide ihre Offerten mehrmals aufgerüstet, mit dem Resultat, dass plötzlich Stoffels Angebot, eine Mehrzweckhalle für das Dorf zu bauen, im Zentrum stand. «Ein Geniestreich», sagt Gartmann. Damit habe sich Stoffel all die Jungen ins Boot geholt, die Sport- und Eventbegeisterten. Diese Karte spielt Stoffel auch am Abstimmungsabend: «Ich sage euch hier und jetzt: Ich werde euch eine Mehrzweckhalle bauen.» Sofort wolle er mit ihrem Bau beginnen, sie werde der Schlüssel zum neuen Hotelbau. Wenige Tage nach gewonnener Abstimmung tönt es anders. Da müsse er falsch verstanden worden sein, so Stoffel gegenüber den Medien, dieses Jahr werde die Mehrzweckhalle sicher nicht mehr in Angriff genommen.

In der alten Turnhalle darf Walter Gartmann um 23.35 Uhr endlich aufstehen und Stimmzettel austeilen. Zehn Minuten später sammelt er ein. Dann, drei Minuten nach Mitternacht, greift Gemeindepräsidentin Walker-Tönz zum Mikrofon: Die Stoffelpart AG macht mit 287 zu 219 Stimmen das Rennen. Bad und Hotel Therme werden an die Stoffelpart verkauft. Grosser Applaus brandet durch die Halle. Auf den Gesichtern spiegelt sich Erleichterung, dass die Gemeinde nicht mehr für die Therme verantwortlich ist.

«Mir ist eine Last von den Schultern gefallen», sagt Walter Gartmann am nächsten Morgen. «Wenn der Schnee schmilzt, bin ich im Kopf schon auf der Alp», sagt er schmunzelnd. Gleich will er hoch, auf die Alp Guraletsch über dem Zervreila. Dort hütet er im Sommer Kühe.

Nachtrag von 26. April 2012

Thermenstreit nicht zu Ende

Der Verkauf des Thermehotels in Vals sei nicht rechtens gewesen – sagen Valser StimmbürgerInnen, die beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden Beschwerde eingelegt haben.

Am 9. März beschloss die Gemeindeversammlung, das Thermenhotel an den Bündner Immobilientycoon Remo Stoffel zu verkaufen. Der Entscheid verletze in zehn Punkten Bundes-, Kantons- und Gemeinderecht, so Peter Schmid, Sprecher der BeschwerdeführerInnen. «Therme und Hotel gehören der Gemeinde. Soll öffentlicher Besitz privatisiert werden, muss darüber vorgängig abgestimmt werden.» Das hat man in Vals verpasst. Weiterer Streitpunkt ist ein Exklusivvertrag mit Stoffel, den der Verwaltungsrat von Hotel und Therme vorgängig und laut Gemeindepräsidentin Margrit Walker-Tönz ohne Wissen der Gemeinde getroffen hat.

Gegen Stoffel laufen verschiedene Strafverfahren, darunter eines aus seiner Zeit als Vermögensverwalter der StockwerkeigentümerInnen der Therme-Aussenhäuser in Vals. Es geht um Urkundenfälschung und Vermögensdelikte. Während sich die Staatsanwaltschaft bis zur Verfahrenseröffnung fast vier Jahre Zeit liess, hat der Verwaltungsgerichtspräsident im Fall der aktuellen Beschwerde der Valser StimmbürgerInnen postwendend erklärt, mit einem Entscheid sei noch im Sommer zu rechnen. Aussergewöhnlich daran ist nicht nur die Vorankündigung, sondern auch die kurze Frist. Ob das damit zusammenhängt, dass Stoffel im Juni vor dem Bezirksgericht Maloja erscheinen muss, wo er wegen Konkursdelikten angeklagt ist?

Franziska Meister

Was weiter geschah: Nachtrag vom 24. Februar 2013.

Powerplay um Therme Vals

Vor bald einem Jahr hat die Gemeinde Vals in einer umkämpften Abstimmung ihr Thermehotel an den streitbaren Bündner Immobilienhändler Remo Stoffel verkauft. Letzte Woche machte eine Gruppe Valser StimmbürgerInnen einen Aktienkaufvertrag öffentlich, mit dem der Verkauf von Hotel und Therme im November 2012 besiegelt wurde. Seine Rechtsgültigkeit ist umstritten – nicht nur weil gegen den Verkauf eine Beschwerde vor Bundesgericht hängig ist.

In Vals spielt Stoffel, gegen den verschiedene Strafverfahren laufen, seit Monaten ein Powerplay: Er hat nicht nur den neu gewählten Gemeinderat mehrheitlich hinter sich geschart, sondern auch das umbesetzte Tourismusbüro und den Verwaltungsrat der Sportbahnen, dessen frühere Mitglieder geschlossen zurückgetreten sind. Seit Anfang dieses Jahrs sitzt Stoffel überdies im Verwaltungsrat des Thermehotels.

Der bislang unter Verschluss gehaltene Aktienkaufvertrag mache deutlich, so die BeschwerdeführerInnen, dass die Gemeinde als Verkäuferin drauflegen müsste. Tatsächlich wirft der Vertrag, der auch der WOZ vorliegt, Fragen auf: Weshalb verzichtet die Gemeinde auf 1,4 Millionen Franken Gebühren, auf geschätzte 700 000  Franken Zinsen aus gestundeten Beträgen? Weshalb übernimmt sie die Handänderungssteuer von 40 000  Franken? Warum schenkt sie Stoffel Land im Wert von rund zwei Millionen Franken und erlässt ihm die Konzessionsgebühren für die Wassernutzung? Die 1 777 777  Franken, die Stoffel für den Kauf des Thermehotels überwiesen haben will, sind laut BeschwerdeführerInnen bislang nicht auf dem Gemeindekonto eingetroffen.

Franziska Meister

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