Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Billig, billiger, resistent

Von Bettina Dyttrich

«Als ich ein Kind war, hat man wegen einer Euterentzündung praktisch nie den Tierarzt geholt», erzählt Werner Locher, Landwirt im Zürcher Dorf Bonstetten. «Wir pappten eine Mischung aus Ei und Mehl auf das Euter und molken es alle zwei Stunden aus. So brachte man die meisten Euterentzündungen ohne Medikamente weg.»

Heute hat niemand mehr Zeit, sich den ganzen Tag um eine Kuh zu kümmern. Neben Fruchtbarkeitsstörungen und Klauenleiden sind Euterentzündungen das häufigste Gesundheitsproblem von Milchkühen. Sie gelten als sogenannte Faktorenkrankheit, können also viele Gründe haben: Das Futter spielt eine grosse Rolle, aber auch der Stress in der Herde oder die Hygiene beim Melken. Behandelt wird fast immer mit Antibiotika.

Es gäbe Alternativen, Homöopathie zum Beispiel. In der Ostschweiz ist Anfang Jahr das Projekt «Kometian» gestartet, das eine flächendeckende komplementärmedizinische Versorgung für Nutztiere schaffen will. Aber wie die alten Hausmethoden braucht auch Komplementärmedizin Zeit: um die Tiere zu beobachten, ihr Verhalten zu interpretieren und eine individuelle Behandlung zu suchen.

Fast alle Kälber, die er nicht aufzieht, mästet Werner Locher selbst. Sie bleiben in ihrer gewohnten Umgebung, das ist gut für die Abwehrkräfte. Doch in der Regel kommen Mastkälber mit etwa vier Wochen auf grosse Mastbetriebe, zusammen mit Kälbern aus vielen verschiedenen Ställen – alle sind vom Transport gestresst, und alle bringen ihre Krankheitserreger mit. Darum bekommen sie erst mal etwa eine Woche Antibiotika ins Futter (siehe WOZ Nr. 08/11).

Werner Lochers Methode ist gesünder – aber weniger «effizient». Mit Spezialisierung die Kosten senken, also nur noch melken oder nur noch mästen: Das empfiehlt das Bundesamt für Landwirtschaft, und das unterstützen alle, die nach billigem Fleisch rufen. Der hohe Antibiotikaverbrauch in der Landwirtschaft – 2010 wurden in der Schweiz mehr als 66 Tonnen Antibiotika für Nutztiere verkauft – ist eine direkte Folge dieses Drucks, billig zu produzieren.

Nützt es nichts, so schadet es nichts, dachten in der Tier- wie in der Menschenmedizin viele, seit das Penicillin auf den Markt kam. Längst ist klar, dass das nicht stimmt: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr breiten sich resistente Keime aus. Sie kleben nicht nur am Fleisch, sie schwimmen auch in den Seen, wie das Wasserforschungsinstitut Eawag nachgewiesen hat. Viele überstehen die Kläranlagen unbeschadet.

Antibiotika sind ein Segen. Sie haben Tausende von Amputationen unnötig gemacht. Aber inzwischen landen allein in der Schweiz jedes Jahr mehrere Tausend PatientInnen im Spital, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind. Und niemand weiss, wie man sie behandeln soll.

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