Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Extreme Interpretationen

Die Armut sinke überall auf der Welt, legen neue Schätzungen der Weltbank nahe. Was hat das mit der Realität zu tun? Und wo liegen mögliche Gründe für die – beschränkten – Erfolge?

Von Markus Spörndli

In der globalen Armutsbekämpfung sind Erfolgsmeldungen selten. In den letzten Wochen überboten sich die Medien jedoch mit positiven Superlativen. «Erstmals sinkt die Zahl armer Menschen überall», frohlockte die britische Zeitschrift «The Economist». Dank offener Märkte und beschränkter Staatstätigkeit sei die «Armut halbiert» und somit «das wichtigste Uno-Millenniumsziel erreicht» worden, verkündete die NZZ. Und auch die «Tageszeitung» («taz») hat es jetzt offenbar begriffen: «Deregulierung und Privatisierung (…) scheinen einen gewissen Beitrag geleistet zu haben, die Lage hunderter Millionen Menschen zu verbessern.»

All das wurde ausgelöst durch eine eher zurückhaltend formulierte Meldung der Weltbank: Ihre neusten Schätzungen im Rahmen des Armutsmonitoring zeigten auf, dass auf allen Kontinenten der Anteil an Menschen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen, abgenommen habe. Im subsaharischen Afrika sank dieser Wert im Jahr 2008 erstmals seit der ersten Weltbankerhebung von 1981 unter fünfzig Prozent der Bevölkerung. Ausserdem weist die Bank auf vorläufige Schätzungen für das Jahr 2010 hin, die jedoch mit Vorsicht zu geniessen seien, da sie nur für wenige (reichere) Entwicklungsländer vorlägen. Falls die vorläufigen Schätzungen bestätigt werden könnten, hätte sich die extreme Armut seit 1990 halbiert – und dann wäre gemäss Weltbank das erste Millenniumsziel erreicht.

Keine Frage, diese neusten Zahlen stehen für einen Meilenstein in der weltweiten Armutsreduktion. Doch wer deshalb das Projekt der Armutsbekämpfung praktisch beendet sieht, ist entweder naiv oder zynisch. «Ich war von den Ergebnissen der Weltbank sehr überrascht», sagt Stellamaris Mulaeh, die Koordinatorin des Schweizer Hilfswerks Fastenopfer in Kenia: «Vor Ort erlebe ich eine ganz andere Realität.» Dem würde auch die Weltbank kaum widersprechen, denn in Kenia hat sich der Anteil an extrem Armen zwischen 1997 und 2005 mehr als verdoppelt.

Die Studie und die Realität

Will man die Schätzungen der Weltbank mit der Realität in vielen Entwicklungsländern in Einklang bringen, muss man sich Klarheit darüber verschaffen, was die Studie überhaupt aussagen kann – und will. Dann sehen die Resultate nicht mehr ganz so spektakulär aus.

Erstens: Die Armut wurde nicht halbiert. Halbiert wurde höchstens die «extreme Armut». Die Uno hatte diese durch eine extrem tiefe Armutsgrenze von 1 US-Dollar festgelegt, die später auf 1,25 US-Dollar erhöht wurde. Der Wert entspricht dem Durchschnitt der nationalen Armutsgrenzen der 15 ärmsten Länder. Nimmt man die durchschnittliche Armutsgrenze aller fast 130 Entwicklungsländer, sehen die Armutszahlen ganz anders aus: Bei einer Grenze von 2 US-Dollar pro Tag hat die absolute Armut seit 1981 weltweit nur unwesentlich abgenommen – und ausserhalb Chinas deutlich zugenommen.

Zweitens: Die Armutsgrenzen sind in der Realität deutlich tiefer, als sie erscheinen. Denn sie werden der Kaufkraftparität angepasst. Eine Inderin hat deshalb nicht faktische 1,25 US-Dollar zur Verfügung, wenn sie unter die extreme Armutsgrenze fällt, sondern nur 44 US-Cents. Hinzu kommt, dass die seit 2007 stark ansteigenden Nahrungsmittelpreise nicht genügend in die Inflationsbereinigung eingeflossen sind.

Drittens: Das erste Uno-Millenniumsentwicklungsziel ist nicht erreicht. Mit der Halbierung extremer Armut wäre erst der erste Teil dieses Ziels erreicht. Das zweite Teilziel besteht darin, den Anteil der Hungerleidenden zu halbieren. Die Uno vermeldete im Juni 2011 zwar auch wesentliche Erfolge bei ihren Millenniumsentwicklungszielen (vgl. «Acht Entwicklungsziele»), nicht aber bei Ernährung und Überleben der ärmsten Kinder, wo es die geringsten Fortschritte gegeben habe. Das dritte Teilziel ist unmöglich zu erreichen: demnach sollen alle Menschen – alle! – eine produktive und gesicherte Arbeit haben.

Viertens: Die Zahl extrem armer Menschen nimmt nicht überall ab. Die Weltbankstudie zeigt nur auf, dass global und im Durchschnitt jedes Kontinents die extreme Armut abgenommen hat. Weltweit gab es gemäss Weltbankschätzung im Jahr 1981 1,94 Milliarden extrem Arme, im Jahr 2008 noch 1,29 Milliarden. Doch ohne China wäre in diesen 27 Jahren praktisch keine absolute Armutsreduktion zu verzeichnen.

Fünftens: Im subsaharischen Afrika hat die Zahl armer Menschen zugenommen. Neuste Schätzungen zeigen zwar, dass die Zahl extrem Armer zwischen 2005 und 2008 um 9 Millionen gesunken ist. Doch im Vergleich zu 1990 ist diese Zahl um über 96 Millionen gestiegen, seit 1981 gar um 181 Millionen. Bei einer weniger extremen Armutsgrenze von zwei US-Dollar ist auch zwischen 2005 und 2008 keine Trendwende zu erkennen – diese Zahl nimmt seit 1981 stetig zu.

Erfolgsfaktor Staatskapitalismus?

So weit die Fakten zu den neusten Weltbankschätzungen. Doch welche Faktoren haben denn nun zu der geschätzten Armutsreduktion geführt? Die «taz» stützt ihre selbst deklarierte «Einsicht», gemäss der auch Privatisierungen und Deregulierungen dahinter stecken müssen, auf einen «Rückblick auf die neoliberalen Jahrzehnte». Die NZZ zitiert selektiv eine Weltbankkommission, die vor vier Jahren tagte.

Dabei würden die Weltbankresultate eher den Staatskapitalismus als Erfolgsrezept nahelegen. Immerhin ist die Volksrepublik China die Lokomotive der globalen Armutsreduktion – ein äusserst starker Staat, der die Wirtschaft straff steuert. Während viele Geberländer auf alte neoliberale Rezepte vertrauen, deutet ein aktuelles Papier des Chefökonomen der Weltbank auf eine sanfte Trendwende in Washington hin. Justin Yifu Lin kommt darin zur Einsicht, dass die erfolgreichsten Entwicklungsländer der letzten Dekaden durch eine pragmatische Mischung aus Marktwirtschaft und staatlicher Intervention zum Ziel gekommen seien.

Konkreter wird Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud, der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation von sechs grossen Schweizer Hilfswerken: «Grosse Fortschritte gab es in Ländern, die eine eigene, starke Wirtschafts- und Industrialisierungspolitik betrieben haben.» Dazu gehöre, verletzliche Bereiche (wie junge Industrien oder die Landwirtschaft) zu schützen und gleichzeitig exportfähige Wirtschaftszweige aufzubauen. Auch Stellamaris Mulaeh vom Fastenopfer in Kenia sieht – neben der Korruptionsbekämpfung – eine starke Rolle des Staats als unabdingbar: «Die afrikanischen Länder sollen endlich das Ernährungssystem in die Hand nehmen und massiv in die Landwirtschaft und Infrastruktur investieren.»

Ideen für eine wirksame Armutsbekämpfung sind vorhanden. Das laufende Armutsmonitoring der Weltbank sollte die Umsetzung auf dem weiteren langen Weg begleiten. Doch dazu müssen noch einige Akteure ihre alten ideologischen Brillen ablegen und den Realitäten in die Augen schauen.

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