Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Hat das Alter eine besondere Farbe?

Auf achtzig Jahre ihres Lebens blickt Judith Giovannelli-Blocher in einem neuen Buch zurück. Zuweilen denkt sie die Erinnerungen weiter, in Fiktion und Utopie hinein. Der Bruder Christoph kommt am Rand auch vor.

Von Dominik Gross (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Judith Giovannelli-Blocher: «Ich schaue hier auf Orte, die ich bisher gemieden habe. Ich wollte mein Leben nochmals von A bis Z reflektieren.»

WOZ: Frau Giovannelli, in der Grossfamilie Blocher wollten alle immer irgendwie gegen den Strom schwimmen. Wieso?
Judith Giovanelli-Blocher: Schon mein Vater Wolfram Blocher, auch er Pfarrer, war ein äusserst eigenwilliger Mensch: Als in seiner Gemeinde in Laufen am Rheinfall die Kirchenrenovation anstand, wollte eine mächtige, fromme Familie aus der Gemeinde einen Spruch für den Eingang stiften. «O Land, Land, höre des Herrn Wort», sollte es da heissen. Mein Vater fand das zu beliebig, er wollte lieber einen Spruch von Zwingli, der zum Ort passte: «Wahrlich, wahrlich, Gott’s Wort wird so giwiss sinen Gang haben als der Rhyn. Den mag man ein Zyt wohl schwellen, aber nit gstellen.» Ein sehr schöner Satz, doch die Gemeinde rebellierte. Mein Vater liess trotzdem den Zwingli-Spruch in die Kirche schreiben.

Nicht sehr diplomatisch.
Von Diplomatie keine Rede! Als in Flurlingen eine Bindfadenfabrik aufmachte, kam eine neue Schicht in die Gemeinde, brachte Autos und Fortschrittsansprüche. Mit denen hat er sich schnell verkracht: Er war ein Autofeind und hielt das Auto für eine verfehlte Erfindung. «Ihr werdets noch sehen», sagte er immer. Mein Vater hatte in vielem recht, wie übrigens eigentlich auch Christoph.

Ihr Bruder? Wieso?
Es ist schwer, das jetzt so aus dem Ärmel zu schütteln. Ich kann nur sagen: Wenn er seriös ist – heute ist er in vielem nicht mehr seriös – höre ich ihm gerne zu. Meistens gibt es bei ihm einen wahren Kern, wo man sagen muss: Ja, stimmt. Aber hören Sie, jetzt reden wir schon von meinem Bruder anstatt von meinem Buch. Das ist einfach heikel. Er ist das Faszinosum an sich.

Sie haben mit ihm angefangen. Aber reden wir über Ihr Buch: Sie haben Ihre Memoiren fertig, fühlt man sich da, brutal gesagt, nicht schon auf halbem Weg ins Grab?
Doch, aber das war bei mir schon vorher so. Ich bin jemand, der das Alter sehr bewusst erleben will. Das Alter hat eine besondere Farbe im Leben. Immer nur Frühling ist langweilig. Seit meine linke Gesichtshälfte gelähmt ist und ich am Stock gehe, bin ich ausgesprochen im fragilen Alter. Will ich raus, bin ich auf die Hilfe meines Mannes angewiesen. «Der rote Faden» ist ein Buch aus der Sicht eines alten Menschen, der weiss, dass sein Leben sich rundet.

Es ist nicht die erste Rückschau auf Ihr Leben in Buchform.
Nein, aber ich schaue hier auf Orte, die ich bisher gemieden habe. In sechs Monaten habe ich achtzig Jahre hingelegt. Ich wollte mein Leben nochmals von A bis Z reflektieren. Dazu kommen die fiktiven Einschübe, wo ich aus der Perspektive meiner Eltern und Geschwister schreibe, mir ihr Leben vorstelle.

Wie unterscheiden Sie zwischen Erinnerungen und Vorstellungen?
Auch die sogenannten Fakten sind ja unsicher. Ich sehe das daran, wenn meine Geschwister jetzt sagen, das sei doch alles ganz anders gewesen. Aber es gibt Dinge, von denen ich weiss, dass sie sich genau so zugetragen haben – jedenfalls von mir aus gesehen. Und es gibt andere, wo ich mir sage: Das ist jetzt weitergedacht. Das Weitergedachte ist das Fiktive.

Wieso diese Mischung?
Nehmen Sie den Umgang mit den Eltern: Normalerweise werden sie in den eigenen Erinnerungen nur als die beschrieben, die einem Gutes oder Schlechtes angetan haben. Ihre eigenen Lebensumstände werden wenig reflektiert. Ich habe mich hingegen ein Stück weit in sie hineinversetzt und glitt so in die Vorstellungswelt hinein, die aus der Einfühlung kommt. Diese ist aber nicht unbedingt weniger wahr als die Welt der Tatsachen.

Es gibt also keine eindeutige Grenze zwischen Realität und Fiktion?
Natürlich nicht! Zum Beispiel diese läppische Unterscheidung zwischen Dokumentar- und Spielfilm: Gute Dokumentarfilme sind immer erfüllt von Fiktion und Utopie. Es steckt in ihnen ein Anspruch, etwas darzustellen, was über das reine Schauen des Realen hinausgeht.

Wieso macht das Fiktive einen Dokfilm besser?
Es geht um Haltung. Die ist für mich sehr wichtig. Haltung heisst, in sich drin ein Wissen zu haben. Darüber, was wir erstreben wollen. Wozu das eigene Leben da ist, wofür ich einstehen will. – Und auch: wogegen.

Gegen was?
Zum Beispiel gegen die Fremdenfeindlichkeit. Und vor allem: gegen das Verächtlichmachen. Das ist das Allerschlimmste an meinem Bruder, sein Verächtlichmachen Andersdenkender. Im persönlichen Kontakt ist er ein sehr toleranter und versöhnlicher Mensch. Aber dieses politische Verächtlichmachen ist ungeheuer schädlich. Ich will mit meinen Lebenserinnerungen zeigen: Geht zueinander, in die Nähe. Auch zu euren politischen Gegnern. Ich kritisiere darum auch meine linken Freunde: Die Urteile über die Andersartigen kommen auch bei ihnen oft zu einseitig. Meinungsverschiedenheiten sind grundlegend für das menschliche Zusammenleben. Wir können es uns nicht leisten, Andersdenkende abzuschreiben.

Judith Giovannelli-Blocher (79) ist die älteste Tochter von elf Kindern einer Pfarrersfamilie. 
Sie glaubt, dass auch Linke mehr auf die 
andern Menschen zugehen sollten, um nicht 
so einseitig zu urteilen.

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